Enkel für Anfänger (2019)

Familie für Fortgeschrittene

Eine Filmkritik von Falk Straub

Im Land der Dichter und Denker, so scheint es, werden heimische Produkte stets ein wenig skeptischer beäugt. Was der Kritik gefällt, sagt nicht zwangsläufig der Masse zu und umgekehrt. Die Vielfalt nimmt daran keinen Schaden. Die hiesige Komödienlandschaft etwa reicht derzeit von Fack ju Göthe“ (2013) bis Toni Erdmann“ (2016). Und manchmal bringt sie Überraschungen hervor. Wolfgang Groos' neuer Film über drei frustrierte Rentner, die sich als Patengroßeltern dreier gestresster Kinder annehmen, klingt wie die nächste Kalauer-Parade – irgendwo zwischen geriatrischen und infantilen Witzen. Doch hinter all dem Lärm verbergen sich auch leise Töne.

Groos kennt sich mit Filmen für das junge Publikum aus. Fürs Kino hat der 1968 geborene Regisseur unter anderem den dritten Teil der Vorstadtkrokodile (2011), den zweiten Teil von Rico, Oscar (2015) und zwei Filme über die Vampirschwestern (2012, 2014) inszeniert. Inzwischen selbst jenseits der 50, ist er vom Alter seiner Hauptfiguren aus Enkel für Anfänger zwar noch ein gutes Stück entfernt, marschiert aber mit Riesenschritten auf sie zu. Zeit also für ein Treffen der Generationen.

Maren Kroymann spielt die kinderlose Karin, die im verdienten Ruhestand endlich die langersehnte Reise nach Neuseeland antreten will. Doch ihr Mann Harald (Günther Maria Halmer) poliert lieber seine Spielzeuglok oder wacht mit Argusaugen über seinen Roboterrasenmäher. Und überhaupt sei ein Urlaub am Ende der Welt so viel wert wie zwei Treppenlifte! Altersvorsorge statt Abenteur.

Haralds jüngere Schwetser Philippa (Barbara Sukowa) tickt völlig anders und gern mal aus. Von der eigenen Tochter und Enkelin entfremdet, genießt sie ihr Leben am links-grün-alternativen Ende der Gesellschaft. Die politisch überkorrekten Helikoptereltern ihrer Patenenkelin Leonie (Julia Gleich/Luise Gleich) treibt sie mit Rülps-Spielen, Ladendiebstählen und zuckerhaltiger Ernährung an den Rand der Laktose-Intoleranz.

Heiner Lauterbach indes, mit dem Groos bereits bei Kalte Füße (2018) zusammengearbeitet hat, gibt den stocksteifen Misanthropen. Nach seinem Ehemann ist Gerhard auch noch der Hund weggestorben. Nun steht Selbstmord auf dem Plan. Doch dann kommt Philippa um die Ecke, drückt erst Karin und dann Gerhard einen Patenenkel auf und bringt jede Menge Farbe ins beige Rentnerdasein.

Groos kann nicht nur mit den Jungen, sondern auch fabelhaft mit den Alten. Das toll gecastete Ensemble ergänzt sich wunderbar. Und Robert Löhrs Drehbuch hält einige Überraschungen bereit. So gönnt er Karin einen stürmischen Flirt mit Kai (Dominic Raacke), dem um Jahre jüngeren Vater ihres hyperaktiven Patenenkels Jannik (Julius Weckauf). Eine bis heute leider allzu selten gesehene Konstellation, wie auch die Beziehung zwischen Gerhard und Jelena (Palina Rojinski), der Mutter seines Patenenkels Viktor (Bruno Grüner), wohl in vielen Filmen anders ausgesehen hätte. Gerhard ist nicht an Frauen interessiert, und die Handlung erspart sich eine zweifelhafte Romanze zwischen einem greisen Gönner und einer jungen Mutter in Not.

Auch sonst trifft diese Komödie viele gute Entscheidungen. Die Dialoge und Pointen sitzen, der Blick auf drei Generationen und ihre Lebensentwürfe ist präzis. Und zwischen all den Gags bleibt stets ein wenig Zeit für Familiensinn. Erfreulicherweise kommt das ohne Pipi-Kacka-Witze aus, dafür mit viel Augenzwinkern daher – sei es in Bezug auf den Umgang mit Technik, sei es auf vermeintliche Männerthemen wie Fußball und Bier. Letztlich werden mehr Klischees unterlaufen als bedient. Vorhersehbar bleibt die Handlung trotzdem und verliert vor allem gegen Schluss ein klein wenig an Schwung.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/enkel-fuer-anfaenger-2019