Diego Maradona (2019)

Genie, Betrüger, Opfer

Eine Filmkritik von Paul Katzenberger

Am 5. Juli 1984 passierte etwas sehr Ungewöhnliches: An diesem Tag heuerte der damals teuerste Fußballspieler der Welt in einer der ärmsten  Städte Europas an. Umso größer waren die Hoffnungen, die die 85 000 Fans des Schmuddelclubs SSC Neapel dem argentinischen Superstar Diego Armando Maradona entgegenbrachten, als der im Stadio San Paolo als neuer Mittelfeldregisseur der Mannschaft vorgestellt wurde.

Es ist dieser Moment des Wahnsinns vor 35 Jahren, den der britische Regisseur Asif Kapadia für die Eröffnungsszenen seiner neuen Doku Diego Maradona ausgewählt hat: Ein Auto-Konvoi rast durch die Straßen der süditalienischen Hafenstadt, um Maradona in die Fußballarena zu bringen. Schon als Monate vorher bekannt wurde, dass der Argentinier in der nächsten Saison in Neapel spielen werde, strömten die Menschen in Scharen auf die Straße, wie dazwischen geschnittene Bilder zeigen. Nun trifft „El pibe de oro“ („Der goldene Junge“) endlich in San Paolo ein, und die Begeisterung der neapolitanischen Tifosi kulminiert zur entrückten Ekstase.

Die Welle der Euphorie, die Maradona damals entgegenschlug, war verständlich, denn mit seinen 23 Jahren galt er bereits als vielleicht bester Fußballer aller Zeiten. Doch diesen Unterton der Szenen konkretisiert Kapadia in diesem Moment nicht weiter: Auf Maradonas kometenhaften Aufstieg vom Straßenkicker in Buenos Aires‘ Elendsviertel Villa Fiorito über die argentinischen Vereinsmannschaften Argentinos Juniors und Bocas Juniors hin zum spanischen Rekordpokalsieger FC Barcelona kommt der Film später in Rückblenden zwar kurz zu sprechen. Doch Diego Maradona konzentriert sich auf die Zeit des Ausnahmespielers beim SSC Neapel (1984 – 1991), was erzählerisch ein cleverer Winkelzug ist, denn die zwiespältige Persönlichkeit des Fußballers lässt durch kaum etwas besser zusammenfassen, als seine sieben paradoxen Jahre in Italien.

Wäre Maradona etwa beim großen FC Barcelona geblieben, so hätte er nicht den Gott-ähnlichen Status erreicht, der ihm in einer der fußballverrücktesten Städte Europas zugesprochen werden sollte. Er wäre wohl aber auch nicht so tief gefallen wie in Neapel.

Die brutale Zwiespältigkeit des öffentlichen Ruhms hat Kapadia bereits in seinen biografischen Dokumentationen Senna (2010) über den brasilianischen Formel-1-Rennfahrer Ayrton Senna und Amy (2015) über die britische Soul-Sängern Amy Winehouse so eindrucksvoll illustriert, dass er für beide Filme mit Preisen überhäuft wurde – für Amy unter anderem 2016 mit dem Oscar für den besten Dokumentarfilm. Seine Methode ist dabei stets dieselbe: Das visuelle Archivmaterial, das die mediale Berichterstattung über das Leben einer Person der westlichen Pop-Kultur in reichem Maße bietet, kombiniert er mit Off-Kommentaren von Experten, Historikern und Journalisten.

Bei Diego Maradona stand Kapadia außerdem exklusives Material zur Verfügung, das er der beeindruckenden Voraussicht von Maradonas früherem Manager Jorge Cyterszpiler zu verdanken hatte, der Jahrzehnte vor dem Instagram- und Selfie-Zeitalter die Kameramänner Juan Laburu und Luigi Martucci engagierte, die Maradonas Leben und Karriere aus der Nähe dokumentieren sollten. Der Regisseur verfügte dank dieser Aufnahmen über 500 Stunden Material, das vorher noch nie öffentlich gezeigt worden war. Zudem erklärte sich Maradona selbst bereit, viele Szenen des Films aus seiner heutigen Sicht in Off-Kommentaren zu reflektieren, wodurch Diego Maradona ein Merkmal aufweist, das Senna und Amy fehlt. Denn im Gegensatz zum Fußballer überlebten der Rennfahrer und die Sängerin die Gratwanderung zwischen Genie und Wahnwitz des öffentlichen Ikonen-Daseins nicht, und standen dem Filmemacher nicht persönlich zur Verfügung.

Kapadias besondere Fähigkeit besteht darin, einzelne Teile aus diesem riesigen Fundus zu einer kohärenten Collage zusammenzusetzen, die aus sich heraus eine Wahrheit entwickelt, die sich ohne die Kommentare der Talking Heads vermittelt, deren die meisten Dokumentationen bedürfen.

Wie Kapadias Arbeitsweise funktioniert, zeigt sich in Diego Maradona schon nach sieben Minuten, als er zwischen die Bilder der jubelnden Tifosi im Stadio San Paolo eine Szene schneidet, die Maradona bei der Pressekonferenz zu seinem Antritt in Neapel zeigt. Gleich bei der ersten Frage will ein Journalist wissen, ob Maradona Hinweise darauf habe, dass die damalige Rekordsumme von 24 Millionen D-Mark für seinen Transfer von Barcelona nach Napoli von der Camorra bezahlt worden sei. Der Neuankömmling kommt erst gar nicht dazu zu antworten. Denn SSC-Clubpräsident Corrado Ferlaino schaltet sich ein und verweist den Journalisten des Raumes: „Niemand kränkt Neapel durch so dumme Fragen“, brüllt er.

Es ist eine verstörende Szene, die Kapadia dramaturgisch zu nutzen weiß: Die Kamera verweilt in Nahaufnahme auf dem Gesicht des Fußballers: Gerade noch frenetisch gefeiert, drücken seine Züge Sorge darüber aus, was da noch auf ihn zukommen könnte. Und tatsächlich wird die Camorra ihn einholen: Der Drang des jungen Argentiniers, das Leben zu genießen, Frauen, Drogen – für all seine Ausschweifungen wird irgendwann vor allem der mächtige Giuliano-Clan zuständig sein – und ihn gleichzeitig von sich abhängig machen.

Es ist eine kleine Schwäche des Films, dass Diego Maradona nicht genauer erklärt, wie der Fußballer in die Fänge der Mafia gerät. Das ist dem Verzicht des britischen Filmemachers auf gezielte Erkundigungen bei Experten geschuldet, der auch an anderer Stelle dazu führt, dass Fragen, die sich stellen, offenbleiben. Etwa, warum sich Maradona dazu entschied, nach Neapel zu kommen – eine Stadt, die er vorher nicht kannte, und die Experten wegen des leistungsschwachen Vereins damals ungeeignet erschien, wie sie im Film sagen.

Dafür wird der Zuschauer durch Kapadias Ansatz sehr unmittelbar mit den Akteuren seiner Geschichten konfrontiert. Diego Maradona etwa zeigt sehr packend auf, was die Besonderheit seines Engagements in Neapel war, das der Geschichte eines modernen Ikarus und dessen Aufstiegs sowie seines Falls gleicht: Zunächst zieht er von Triumph zu Triumph: Den SSC Neapel aus dem armen Süden, von den Fans der Clubs Inter und AC Mailand sowie Juventus Turin aus dem reichen Nordens Italiens durch Schlachtrufe wie: „Lavatevi!“ („Wascht Euch!“) „Ciao Colerosi!“ („Hallo Cholera-Kranke!“) oder „Napoli, Fogna d’Italia!“ („Neapel, Kloake Italiens“) erniedrigt, bringt Maradona aufgrund seiner herausragenden spielerischen Fähigkeiten fast allein auf Augenhöhe mit den überheblichen Konkurrenten. 1987 reicht es schließlich zur ersten italienischen Meisterschaft in der Vereinsgeschichte des SSC Neapel, dem „Scudetto“, dem 1990 ein zweiter Titel folgen sollte.

Es ist so, als wolle Maradona, der einst im Slum selbst eine erniedrigte Existenz fristete, alle Einwohner Neapels an seiner eigenen Erfolgsgeschichte teilhaben lassen. Er wird zu einer Art Gott für sie, der ihnen ermöglicht, sich für die jahrelangen Demütigungen durch die nördlichen Städte Mailand und Turin zu revanchieren.

Die Straßenfeiern nach der ersten Meisterschaft dauern zwei geschlagene Monate. Die Menschen hängen sich Bilder Maradonas übers Bett – gleich neben Jesus. Frauen kreischen, dass sie mit dem Fußballstar schlafen wollen. Tatsächlich ist Maradona für seine sexuellen Eskapaden bekannt. Schon gut ein Jahr nach seiner Ankunft in Neapel zeugte er einen unehelichen Sohn, und als die Medien davon Wind bekommen, leugnet er einfach die Vaterschaft, und das knapp 20 Jahre lang. Selbst diese Lüge verzeihen ihm die erzkatholischen Neapolitaner – die Begeisterung hat etwas Wahnhaftes.

Nachdem Neapel mit Maradona 1989 durch den Gewinn des UEFA-Pokals auch noch ein großer Erfolg auf internationaler Bühne gelingt, betrachtet der Argentinier diesen Triumph aber als sein Abschiedsgeschenk an die Stadt. Er bittet Club-Präsident Ferlaino um die Auflösung seines Vertrages, und der Zuschauer kann durch Kapadias Bilder sehr gut nachvollziehen, warum: Immer und immer wieder ist auf ihnen zu sehen, wie die Menschenmassen dem Fußballstar auf den Leib rücken, er kaum noch Luft zum Atmen bekommt. Der Starrummel hat seine Schattenseiten: Maradona kann sich nicht mehr frei bewegen, was ihn auf Dauer kaputtmacht.

Doch Ferlaino denkt nicht daran, Maradona freizugeben – „Der Goldene Junge“ ist für ihn schlicht zu wertvoll. Und Maradona fügt sich, was sich als ein großer Fehler erweisen wird, den ein reiferer und in sich stärker ruhender Mensch als der damals 28-Jährige wohl nicht gemacht hätte. Doch in Wahrheit ist Diego Maradona viel verunsicherter und einsamer, als es oberflächlich erscheint. Wer genau hinsieht, kann im Film die Verlassenheit aus seinem Gesicht herauslesen.

Diego und Maradona sind zwei unterschiedliche Menschen, wie sein Fitness-Trainer Fernando Signorini im Off-Kommentar deutlich macht: Diego, der unsichere und liebenswerte Junge und die irisierende Kunstfigur Maradona, die Diego zu seinem eigenen Schutz kreiert hatte, um den Anforderungen des Fußballgeschäfts und denen der Medien gewachsen zu sein, und die sich keine Schwäche erlauben darf. Nachdem ihm der Club-Präsident die Freigabe verweigert, erlangt endgültig der Maradona in Diego die Oberhand, was sich als extrem selbstzerstörerisch erweist, wie der heutige Maradona im Off-Kommentar freimütig einräumt: „Am Sonntagabend nach dem Spiel, ging die Prasserei mit dem Abendessen los, und das dauerte immer bis Mittwoch, wenn ich anfing, wieder clean zu werden für das nächste Spiel am Sonntag.“

Was Maradona da schildert ist nichts anderes als exzessiver Drogenkonsum im Wechsel mit Leistungssport: Dass ein solcher körperlicher Raubbau zum Zusammenbruch führen muss, zumal Maradonas Kokain-Abhängigkeit immer prekärer wird, ist klar. Doch noch bevor er körperlich vollends auf den Hund kommt, begeht der Fußballer einen weiteren entscheidenden Fehler: Als Argentinien bei der Weltmeisterschaft 1990 in Italien im Halbfinale auf die Gastgeber trifft, findet die Partie ausgerechnet im Stadion San Paolo in Neapel statt. Maradona, der den Hass zwischen nord- und süditalienischen Fans aus eigener Anschauung bestens kennt, versteigt sich vor dem Spiel dazu, die neapolitanischen Fans dazu aufzufordern, ihn und seine argentinische Mannschaft zu unterstützen, quasi als wahrer Vertreter des Südens gegen eine italienische Nationalmannschaft, deren Spieler oftmals aus dem Norden stammten.

Doch das ist zu viel verlangt, wie Kapadia in seinem Film eindrücklich zeigt: So tief ist Italien dann doch nicht gespalten, als dass sich die Tifosi auseinanderdividieren lassen, wenn es gegen eine andere große Fußballnation wie Argentinien geht. Als das Spiel im Elfmeterschießen entschieden werden muss, und Maradona den entscheidenden Strafstoß für Argentinien verwandelt, lassen die Neapolitaner ihren Gott auf einen Schlag zur Hölle fahren. Dass ausgerechnet er sie betrogen hat, fühlt sich für sie plötzlich wie eine Demütigung an.

Maradona schlägt in Neapel nun Hass entgegen. Die Camorra hält nicht mehr die Hand über ihn, was zum Beispiel bedeutet, dass ein vom Fußballer mit einer Prostituierten geführtes und mitgeschnittenes Telefonat in der Öffentlichkeit lanciert wird. Maradonas Drogenproblem wird ein immer offeneres Geheimnis, und als bei einer Dopingprobe im März 1991 Kokain bei ihm nachgewiesen wird, flieht der Argentinier quasi über Nacht zurück in die Heimat. Es ist ein ruhmloser Abschied aus Neapel, der in krassem Gegensatz zur triumphalen Ankunft sieben Jahre vorher steht.

Wie Maradona nach seiner Karriere durch zahlreiche Skandale, positive Dopingproben und drogenbedingte körperliche Zusammenbrüche endgültig zur tragischen Figur wird, deutet Kapadia nur an. Nach einem Zeitsprung von 1991 ins Jahr 2004 zeigt er den einstigen Superstar krank, aufgedunsen und kugelrund, der sich bei einem Freizeitkick kaum bewegen kann. Fußball-Fans tut es weh, diese Bilder zu sehen. Sie stehen in einem krassen Missverhältnis zu den Fernsehübertragungen aus Maradonas besseren Tagen, die seine geniale Spielkunst belegen: Sein sensationelles Solo-Dribbel-Tor im WM-Viertelfinale 1986 gegen England (2:1), bei dem er sechs Feldspieler und anschließend den Torwart aussteigen ließ, ist bis heute als WM-Tor des 20. Jahrhunderts unvergessen.

„Wer den Mythos Maradona verstehen will, muss sich nur das Spiel gegen England anschauen“, sagt der argentinische Sportjournalist Daniel Arcucci in Diego Maradona. Denn das 1:0 hatte ebenfalls Maradona erzielt, allerdings regelwidrig mit der linken Hand, wofür er vom Schiedsrichter hätte „Rot“ sehen müssen: „Diese beiden Tore“, erläutert Arcucci, „das erste durch Handspiel, das zweite, bei dem er an allen vorbeizieht, erklären, warum er so geliebt und gleichzeitig so gehasst wird.“

„Der goldene Junge“ – er hat immer polarisiert. Durch Asif Kapadias‘ Diego Maradona erschließt sich, dass der geniale Fußballspieler Maradona zwar auch ein Betrüger, der liebenswerte Diego in ihm aber ein Opfer war.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/diego-maradona-2019