Fisherman's Friends (2019)

Frischer Fisch (aus der Konservendose)

Eine Filmkritik von Lucas Barwenczik

Sicher ist nur: Fisherman’s Friends von Chris Foggin möchte eine Geschichte von rauen Originalen erzählen: von einem Fischerchor aus Cornwall, der es bis in die Top 10 der Charts schafft. Kernige Typen, die zumindest mit ihrer Authentizität beworben werden. Der dazugehörige Film ist dabei allerdings so glatt und kuschlig, dass selbst die ach so böse Pop-Welt, die als großer Gegenspieler fungiert, neidisch wäre: So wohlig und mühelos konsumierbar kriegt selbst sie ihre Produkte nur selten hin.

Das ist eigentlich wenig überraschend: Der Film und die Band heißen wie ein Produkt, das den Konsumenten hierzulande jahrelang mit den Slogans „Sind sie zu stark, bist Du zu schwach“ oder „Für alle, die es etwas härter mögen“ herausgefordert hat. Dabei ging es nie um einen Boxkampf gegen einen Bären oder eine Bergbesteigung, sondern um etwas schärfere Lutschpastillen.

Erzählt wird die Geschichte, basierend auf tatsächlichen Ereignissen, als herkömmliche Culture-Clash-Komödie. Auf der einen Seite steht der erfolgreiche Musikproduzent Danny Anderson (Daniel Mays) als typischer Großstädter: ein wenig verweichlicht, karriereorientiert, materialistisch, verliebt in schönen Schein und goldene Schallplatten. Sein Freund Henry heiratet, doch die für den Junggesellenabschied gemietete Yacht taucht nicht auf, und so hängen die Yuppies nun in der kleinen Küstenstadt Port Isaac fest. 

Dort treffen sie auf den Chor der Fisherman’s Friends, der schon seit langem gemeinsam alte Shantys singt. Einer von Dannys Freunden schlägt im Scherz vor, die Band bei seinem Label unter Vertrag zu nehmen. Er ist schnell begeistert, die rauen und größtenteils recht alten Fischer nicht: Ihnen liegt nichts an Ruhm und Erfolg. Danny bleibt vor Ort, um sie zu überzeugen. Langsam beginnt er, sich in die Gemeinde zu integrieren. Er lernt eine neue Lebensart kennen: In Cornwall ist die Welt noch in Ordnung. Jeder kennt jeden, im Pub blüht die Dorfgemeinschaft auf. Das Wort eines Mannes hat noch Gewicht, man ist einfach, aber ehrlich. In seinem Rückverweis auf ein echtes, authentisches Leben gibt sich der Film retromantisch und konservativ. Ihn erfüllt eine Sehnsucht nach einer Vergangenheit, die es niemals gab. 

Weil der Aufstieg der Band allein scheinbar noch nicht interessant genug ist, arrangiert der Film allerlei Nebenplots um ihn herum: Danny verliebt sich in die alleinerziehende Alwyn (Tuppence Middleton), die Tochter des bärbeißigen Fischerchorleiters Jim (James Purefoy). Aus Verachtung gegenüber dem versnobten Städter wird bald große Zuneigung. Als weitere Fallhöhe wird etabliert, dass der lokale Pub kurz vor dem Konkurs steht. Ein schmieriger Investor hat Interesse, die Gentrifizierung bedroht die Gemeinde. „Emmet“ nennen sie auf Kornisch jene, die nicht dorthin gehören – Ameisen also, die in Strömen von außen kommen und nicht leicht loszuwerden sind. Ein etwas fragwürdiges Bild, das entfernt an die Ängste der Brexit-Anhänger erinnert und unentwegt affirmiert wird. Die verschworene Gemeinschaft aus Cornwall mag unter besonderen Umständen auch einmal einen Fremden aufnehmen, aber das ist die Ausnahme, welche die Regel bestätigt. Und diese Ausnahme ist Danny.

Denn natürlich kommt es zur Annäherung. Die Freunde des Produzenten scherzen sogar, er würde zum Einheimischen. „Going native“ nennen sie das in der Originalfassung, wie in alten Geschichten über den Kolonialismus von Rudyard Kipling. Tatsächlich betrachtet der Film Cornwall mit der liebevollen Herrschsucht des britischen Empires. Sie sind so anders und exotisch, aber eben auch edle Wilde, die den Verbildeten gerne mit großen Weisheiten erleuchten. Die klingen zwar allesamt wie PR-Slogans für eine angeblich von norwegischen Fischern präferierte Handcreme, aber das fällt dann auch nicht weiter ins Gewicht. 

Nun ist das Ende, auf das die Ereignisse zusteuern, natürlich schon von Vornherein bekannt. Über die gescheiterten alten Männer, deren Musik niemand hören wollte, würde kein derart großer Film gedreht. Die Fallstricke, die im Drehbuch etabliert werden, wirken daher oft mechanisch und arbiträr. Hürden, über die man eben zu springen hat, damit das Happy End sich nicht all zu sehr wie ein Automatismus anfühlt. Die Komödie ist die Art von aggressiver Publikumsbespaßung, die kein Klischee auslässt, der kein Witz zu flach und keine dramatische Wendung zu rührselig ist. Immer, wenn ein Scherz gemacht wurde, verziehen sich alle Gesichter im Bild zu abstrusen Grimassen von Freude oder Ärger, je nach Situation. Wenn das nicht reicht, knallt die Musik im richtigen Moment rein, wie bei einer Büttenrede. Für eine Geschichte über „den Rock’n’Roll von 1752“ läuft im Hintergrund erstaunlich viel seichtes Gedudel. 

Das Drehbuch ist vollgestopft mit Gags über Castingshows wie „The X-Factor“, Boybands und das allgemein fadenscheinige Wesen der Musikindustrie. Das ist kurios angesichts einer Musikgruppe, die wie kaum eine andere ihre Macht demonstriert. Der Shantychor ist der perfekte Beweis dafür, dass die Branche mühelos jede Subkultur absorbieren kann. Keine Jugendbewegung, der man ihre Rebellion nicht zurückverkaufen könnte. Kein Außenseiter, der nicht für die warholschen 15 Minuten glänzen darf. Wer sich verkauft, hat recht. Im Vereinigten Königreich denkt man wohl an ähnlich angelegte Fälle wie Paul Potts, wo die ungewöhnliche Äußerlichkeit zum Gimmick aufgebauscht wurde, das sehr traditionelle Musik verkaufen sollte. Die Songs im Film sind natürlich auch immer perfekt produzierte Studioaufnahmen, keine Melodie wird von den alternden Kehlen verkratzt.

Das Cornwall des Films ist nie kalt, nass und unangenehm, sondern bleibt stets eine Ansammlung wundervoller Postkartenmotive. Selbst eine zuerst ungewohnte Schiffsfahrt bleibt für Danny nur für einen mittelmäßigen Gag lang eine Herausforderung. Wenn statt einem Abspann das Logo des kornischen Tourismusverband eingeblendet worden wäre, die Überraschung hielte sich in Grenzen.

Ein Film, der von einem sehr ähnlichen Prozess erzählt, aber für die Rauheit und das Unbehagen auch eine Sprache findet, ist der eindrucksvolle 16mm-Streifen Bait von Mark Jenkin, der unter anderem in diesem Jahr auf der Berlinale zu sehen war. Er enthält eigentlich alle Themen, die auch Fisherman’s Friends angeht, nur eben in einer deutlich aufregenderen Form. 

Chris Foggins müdes Bespaßungskino hingegen ist lediglich ein Simulacrum. Er verspricht, was er nicht halten kann, wirbt mit erdiger Wirklichkeit und bietet luftige Gleichform. Das die Geschichte der tatsächlichen Band an vielen Stellen ganz anders verlaufen ist, als es im Film dargestellt wird, ist dabei fast schon unerheblich. Was hatte man denn auch erwartet?

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/fishermans-friends-2019