American Made

Der Gringo, der liefert

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

Barry Seal gab es wirklich. Er war ein Drogenschmuggler. Oder genauer gesagt: Er gilt weiterhin als einer der größten und erfolgreichen Drogenschmuggler, der in den 1970er Jahren maßgeblich zu dem Aufstieg des Medellin-Kartells beigetragen hat. Aber nicht nur das: Er hat auch für die CIA gearbeitet, Informationen beschafft und Waffen nach Mittel- und Südamerika geliefert. Er war also an ziemlich vielen schmutzigen Geschäften der USA beteiligt.

Der Film Barry Seal – Only in America steigt nun kurz vor Seals Anheuerung durch die CIA ein. Barry Seal (Tom Cruise) ist Pilot bei der TWA und verschafft sich einen kleinen Nervenkitzel, indem er den Autopiloten der Passagiermaschine ausstellt, eine kleine Einlage am Steuer liefert, alle schlafenden Passagiere damit weckt und sich für die Unannehmlichkeiten der „Turbulenzen“ entschuldigt. Schon diese Einstiegsszene sagt eigentlich alles über seinen Charakter aus: Er sucht den Thrill und ist dabei egoistisch. Nebenbei schmuggelt er kubanische Zigarren nach Kanada und wird dort dann von einem CIA-Agenten angesprochen: Monty Schafer (Domhnall Gleeson) bietet ihm eine mittelmäßige Tarnung, keinerlei Absicherung und die Möglichkeit, in Zentralamerika Fotos von Kommunisten zu machen. Kurz gesagt: Ein Abenteuer. Anfangs zögert Barry, schließlich hat er Frau (Sarah Wright) und Kinder zu versorgen. Aber die Langeweile treibt ihn dazu, dieses Angebot doch anzunehmen. Und damit beginnt sein turbulenter Lebensabschnitt, der ihn schließlich zum sehr erfolgreichen Drogenschmuggler machen wird.

Unterteilt in verschiedene Abschnitte, die jeweils mit dem Auftraggeber von Barry Seal übertitelt sind, gibt Barry Seal – Only in America einen Überblick über das wahnwitzige Gebaren der USA in Süd- und Mittelamerika sowie im Hinblick auf das Geschäft mit den Drogen, das dann zum war on drugs führte, ohne es allzu deutlich zu kritisieren. Vielmehr bemüht sich Doug Liman sehr, seinen Protagonisten nicht allzu unsympathisch erscheinen zu lassen. Deshalb gibt es lockere Sprüche, eine bemüht lässige Inszenierung und immer wieder Aufnahmen des tollkühnen Piloten, der DEA und Border Patrol lässig austrickst. Neben Barry Seal bleibt für andere Figuren kaum Platz: Sarah Wright hält als Ehefrau im richtigen Moment die familiären Werte hoch, ist ansonsten aber schmückendes Beiwerk. Domhnall Gleeson als CIA-Agent ist vor allem Stichwortgeber für folgende Operationen, einen Hintergrund bekommt er nicht, vielmehr bleiben Karrieredenken und Eitelkeiten als einzige Motive. Barry Seals Ko-Piloten sind Randfiguren, der Sheriff des Städtchens in Arkansas, in dem sich die Seal-Familie niederlässt, deutet immerhin an, dass viele auch einfach nicht allzu genau hingeschaut haben, hinterlässt aber das Gefühl, dass dort eventuell mal ein größerer Handlungsstrang geplant war, der es nicht in den fertigen Film geschafft hat. Einzig Caleb Landry Jones als Barrys leichtsinniger Schwager bekommt etwas mehr Raum, aber seine Figur bleibt auf die Funktion des Sicherheitsrisikos beschränkt. Damit passen sie im Grunde genommen passen sie ganz gut zu Barry Seal, der zwar das Geschehen kommentiert – das ist nur einer der vielen Verweise auf Good Fellas –, aber keinerlei Innenleben oder Zweifel an seinem Tun zu haben scheint. Tom Cruise versucht hier angemessen locker und leichtsinnig zu wirken, bleibt aber letztlich doch zu kontrolliert, so dass der Spaß, den dieses Leben für Barry Seal bringen soll, letztlich eher behauptet wird.

Deshalb schwankt Barry Seal – Only in America stets zwischen einer leichten, unterhaltsamen Actionkomödie und einem ernsthaften Drogenthriller, zumal ihm trotz aller Referenzen an Martin Scorseses Meisterwerk eben jene düstere Moral und Ironie fehlt. Nur wenige Male fühlt sich Seal bedroht, von den Folterungen und der Gewalt des Kartells ist lediglich zu hören, die Folgen dieser Kokainschwemme in den USA werden ebenso ausgeblendet wie die Rolle der amerikanischen Regierung. Das hier immerhin die Vorgeschichte der Iran-Contra-Affäre erzählt wird, wird am Ende dann lediglich noch nachgereicht. Angesichts der Vielzahl Drogenthriller der vergangenen Jahre und Serien wie Narcos ist das aber einfach zu wenig, um aus Barry Seal – Only in America einen Film zu machen, der in Erinnerung bleibt. Und sogar der Unterhaltungswert hängt davon ab, wie gerne man Tom Cruise beim Tom-Cruise-Sein zuschaut.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/american-made