End of the Century (2019)

Kennen wir uns?

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Zu Beginn seines Werks schildert Castro die recht ereignislosen Urlaubstage des Protagonisten Ocho (Juan Barberini) in Barcelona. Der Argentinier lässt sich durch die katalanische Metropole treiben. Vom Balkon seines Apartments aus beobachtet er einen attraktiven jüngeren Mann in einem Kiss-T-Shirt, den er später zufällig am Strand wiedersieht. Doch erst die dritte Begegnung der beiden führt zu einem Kennenlernen: Als Ocho Javi (Ramon Pujol) erneut erblickt, lädt er ihn in seine Wohnung ein. Es folgen ein Bier, ein bisschen Smalltalk, ein erster Kuss und schließlich der erste Sex. Und es geht weiter. Die beiden verbringen Zeit miteinander und erzählen sich bei Wein und einem Snack auf einer Dachterrasse mehr voneinander. Ocho ist Dichter, lebt in New York und hat sich erst kürzlich nach 20 Jahren Beziehung von seinem Freund getrennt. Javi lebt in Berlin, ist seit zwei Jahren in einer offenen Ehe mit einem Deutschen und hat mit diesem eine kleine Tochter. Ocho hat plötzlich das Gefühl, Javi schon zuvor begegnet zu sein – und zu seiner Verblüffung bestätigt ihm Javi, dass dies auch der Fall ist.

An dieser Stelle setzt eine Rückblende ein – und wir befinden uns im Jahre 1999, zwanzig Jahre vor der gezeigten (Wieder-)Begegnung. Erneut ist Ocho als Tourist in Barcelona unterwegs – allerdings wird er auch hier von Juan Barberini verkörpert und sieht kaum einen Tag jünger als im ersten Filmdrittel aus. Dies wird nicht die letzte Irritation bleiben; es dauert eine Weile, bis man sich auf den Modus von End of the Century einlassen kann. Die Erzählung ist eher einer Traumlogik verpflichtet; sie stellt Fragen wie „Was wäre wenn?“ – und sucht in einfühlsam gespielten Interaktionen nach Antworten.

Die Begegnung zwischen Ocho und Javi in der Gegenwart lässt an Andrew Haighs Weekend (2011) denken. In beiden Werken kommt es zu einem angenehm unaufgeregt eingefangenen Flirt, der die Möglichkeit einer großen Liebe in sich birgt. Wahrhaftig und intensiv muten die Blicke zwischen den beiden Hauptfiguren an; glaubhaft werden in den Konversationen zwei Biografien entworfen, in denen für besagte große Liebe eigentlich gar kein Platz mehr zu sein scheint. Oft hat man bei Liebesfilmen den Eindruck, dass die Figuren nur so viel Hintergrund zugestanden bekommen, wie es für den Plot unbedingt nötig ist. Jede Wunde ist nur da, um geheilt zu werden; jeder (innere oder äußere) Konflikt ist lediglich aus dramaturgischen Gründen vorhanden. Ocho und Javi hingegen sind mehr als nur Topf und Deckel, die einander finden müssen. Sie sind zwei Menschen mit Geschichte(n), mit einem gelebten Leben.

Indem Castro mit einer langen Rückblende und später auch mit Blicken in eine mögliche Zukunft arbeitet, erweitert er das Momenthafte, das Weekend auszeichnete, um eine beinahe epische Qualität. Er zitiert den US-Künstler David Wojnarowicz, er lässt die wunderbare Mia Maestro Arien singen, er wirft seine beiden Helden in diverse Lebensentwürfe – und erstaunlicherweise funktioniert diese widersprüchlich erscheinende Kombination von genau beobachteten, kleinen Situationen und der ganz großen, weiten Sicht richtig gut.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/end-of-the-century-2019