PUSH - Für das Grundrecht auf Wohnen (2019)

In der Großstadt zuhause – wie lange noch?

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

In Toronto, London, Uppsala, Barcelona, Berlin-Kreuzberg, Seoul und anderen Städten besucht Leilani Farha Menschen, die Angst um ihre Wohnung haben oder sie schon räumen mussten. Vor der Kamera kommen ehemalige Bewohner des 2017 abgebrannten Londoner Grenfell Towers zu Wort, die damit hadern, im Viertel keine neue Unterkunft zu finden. In unmittelbarer Nähe stehen die Häuser einer wohlhabenden Schicht. In der globalen Bestandsaufnahme geht es um die Erkenntnis, dass der Wandel der Städte überall auf ähnliche Weise verläuft und über das bisher bekannte Phänomen der Gentrifizierung weit hinausgeht. Städte werden nämlich in erschreckendem Maße unbewohnbar.

Investmentgesellschaften kaufen Immobilien, sanieren sie teuer. Die bisherigen Bewohner ziehen aus, neue aber nicht ein – nicht wenige Gebäude in bester Lage stehen überwiegend leer. Im Londoner Stadtteil Kensington nimmt die Kamera schmucke Gebäude ins Visier, für die ihr neuer Eigentümer 30 oder 40 Millionen Pfund bezahlt hat und die nun zu 80 Prozent leer stehen. Ein Mann zeigt vor Ort, dass auf der Straße kaum noch Autos fahren, das Stadtleben in der ganzen Zone erlischt.

Diese lebhafte, aufregende Besichtigung punktueller Brennpunkte eines unheimlichen Wandels wird flankiert von Expertenaussagen, die das Phänomen theoretisch unterfüttern und analysieren. Die New Yorker Soziologie-Professorin Saskia Sassen sagt, es gehe bei Immobilien oft gar nicht mehr ums Wohnen, sondern um eine reine Geldanlage. Eine Elite fühle sich an den gesellschaftlichen Basiskonsens nicht mehr gebunden, wundere sich aber dann, dass die Arbeiterklasse, die so viel gesellschaftlichen Boden verliert, zornig reagiere. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz spricht gar davon, dass die Investmentunternehmen keinen neuen Wohlstand schaffen, sondern ihn nur anderen Leuten nehmen würden.

Globale Player wie Blackstone interessieren sich auch für heruntergekommene Wohnblocks. Im schwedischen Uppsala beispielsweise werden solche Immobilien aufgekauft, saniert und die Mieten dann kräftig erhöht. Der italienische Autor Roberto Saviano erklärt, wie Geldwäsche funktioniert und finanzielle Mittel unbekannter Herkunft auf den Immobilienmarkt gelangen können. Aber Leila Farhani verweist darauf, dass an den gewaltigen Finanzgeschäften auf dem Wohnungsmarkt auch stinknormale Pensionsfonds und mit ihnen ahnungslose Durchschnittsbürger beteiligt sind.

So konkret wie die jüngst in Berlin erhobene Forderung nach der Enteignung großer Wohnungsgesellschaften werden die vorgeschlagenen Gegenmaßnahmen in diesem Film nicht. Leilani Farha entwickelt eine Initiative, die sie The Shift nennt und die ein neues politisches Bewusstsein schaffen soll. Sie holt Bürgermeister großer Städte zu einer Konferenz zusammen, damit sie sich austauschen und über Lösungen beraten. Man hört den Berliner Bürgermeister Michael Müller in der Runde sagen, dass in der deutschen Hauptstadt keine öffentlichen Flächen mehr privatisiert würden.

Der Dokumentarfilm bleibt in seinem Charakter einer Zusammenschau und Übersicht zwangsläufig auch oberflächlich. Aber er schafft es, die komplizierte und trockene Materie nahe ans Leben heranzuführen, mit seinen Stadtbesichtigungen und den Statements betroffener Bewohner. So erreicht Gertten sein Ziel, im Schulterschluss mit Leilani Farha ein Bewusstsein dafür zu wecken, dass Wohnen nicht länger als Handelsware wie beispielsweise Gold betrachtet werden darf. Und dass die urbane Zivilgesellschaft und ihre politische Vertretung dem Finanzsektor nicht mehr freie Hand bei der Umwandlung der Städte lassen dürfen.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/push-fuer-das-grundrecht-auf-wohnen-2019