Wild Nights with Emily (2018)

Deconstructing Dickinson

Eine Filmkritik von Falk Straub

Im Zentrum steht die Liebe zwischen Emily (Molly Shannon) und ihrer Jugendfreundin Susan Gilbert (Susan Ziegler). Schon deren Beziehung ist wie so vieles an diesem Film ein Kuriosum. Um Emily ein Leben lang nah sein zu können, heiratet Susan Emilys Bruder Austin (Kevin Seal) und zieht ins Haus nebenan. Mehrmals täglich tragen Susans Kinder Korrespondenzen zwischen den zwei Frauen hin und her. Emilys Gedichte handeln meist von Susan, was mitunter selbst diese nicht bemerkt. Eine heimliche Romanze vor aller Augen.

Olnek hat ihr humoriges Biopic als mehrfach verschachtelte Erzählung angelegt. Die Rahmenhandlung bildet ein Vortrag Mabel Loomis Todds (Amy Seimetz), die Dickinsons Gedichte 1890, vier Jahre nach deren Tod, veröffentlicht. Von Todds erster Begegnung mit der Familie Dickinson geht es noch einmal zwanzig Jahre zurück in Emilys Jugend. Munter springt Olnek zwischen den Zeitsträngen hin und her und legt die Unzuverlässigkeit ihrer Erzählerin genüsslich offen, wie sie überhaupt viele Persönlichkeiten und Gepflogenheiten jener Epoche der Lächerlichkeit preisgibt. Ralph Waldo Emerson etwa verkommt bei Olnek zu einer unverständlich nuschelnden Randnotiz.

Die Diskrepanz zwischen Gesagtem und Gezeigtem hat bei Olnek Methode. Ein Großteil der Komik speist sich genau daraus, dass eine Behauptung einen Schnitt später im Bild widerlegt wird. Dass die Erzählerin die Dichterin so selten zu Gesicht bekommt, liegt in Olneks Interpretation nicht an Dickinsons Zurückgezogenheit, sondern an Todds wahren Absichten. Statt sich mit Emily zu unterhalten, vögelt Mabel lieber Emilys Bruder Austin auf dem Piano in Emilys Salon. Der arme Austin – von Kevin Seal mit schlechtsitzender Perücke und tödlich ernstem Gesichtsausdruck herrlich absurd verkörpert – hat es aber auch ausgesprochen schwer. Schließlich steigt seine geliebte Susan mit seiner eigenen Schwester ins Bett, wovon der gehörnte Ehemann selbstredend nichts ahnt.

Nach und nach dekonstruiert Olnek auf diese Weise all die Mythen, die sich bis heute hartnäckig um Dickinson ranken. Ja, die Dichterin lebte abgeschieden, aber eben keineswegs allein. Zu ihrer Jugendliebe und späteren Schwägerin unterhielt sie eine Jahrzehnte währende, innige Beziehung, wie sie mit der Witwe Kate (Allison Lane) eine heiße Affäre hatte. Ein flott inszenierter Reigen, irgendwo zwischen Jane Austen und Woody Allens Eine Sommernachts-Sexkomödie (1982).

Das geringe Budget ist dem Film anzusehen. Ausstattung und Kostüme sind bescheiden, die Digitalästhetik erinnert in großen Teilen an kostengünstiges Fernsehen. Doch Olnek, ihre Crew und ihr toll besetztes Ensemble machen das mit Einfallsreichtum und Spielwitz wett. Dass Molly Shannon (Saturday Night Live) mehr als schrullig-schräg verschrobene Charaktere beherrscht, hat sie schon mehrfach, unlängst in Other People (2016) bewiesen. Im Zusammenspiel mit Susan Ziegler zeigt sie eine bewegende Darbietung zwischen Witz, Wehmut und Wagnis. Eingeblendete Gedichtzeilen wiederum beweisen, warum Dickinson ihrer Zeit voraus war.

So sehr diese Wendung zuletzt auch als nichtssagende Floskel hinterfragt worden sein mag (Komikerin Hannah Gadsby geht die Vorstellung, dass ein Künstler seiner Zeit voraus gewesen sei, in ihrem Bühnenprogramm Nanette scharf an und führt exemplarisch den Misserfolg Vincent van Goghs auf schlechtes Netzwerken zurück), bei Dickinson trifft sie zu. Schlechtes Netzwerken kann man der Dichterin nicht vorwerfen, sich selbst und ihrer Kunst treu geblieben zu sein hingegen schon.

Weder versuchte Dickinson, ihre Poesie unter einem männlichen Pseudonym zu veröffentlichen, noch passte sie ihre eigenwillige Sprache und die ungewohnte Form den gängigen Konventionen an. Gedichte im Stile einer Helen Hunt Jackson, der populärsten weiblichen Lyrikerin jener Tage, zu verfassen, käme ihr nicht in den Sinn. Und dem Verleger Thomas Wentworth Higginson (Brett Gelman), der sich selbst als Unterstützer der Frauenbewegung geriert, fällt bei einem Treffen mit Dickinson nichts Besseres ein, als deren Poesie zu verbessern. Mansplaining avant la lettre.

Olnek, die bislang eine romantische Komödie über lesbische Außerirdische (Codependent Lesbian Space Alien Seeks Same, 2011) und ein Buddymovie über lesbische Sexarbeiterinnen (The Foxy Merkins, 2013) gedreht hat, liefert mit Wild Nights with Emily ihren bis dato wohl zugänglichsten, jedoch abermals einen eigenwilligen Film ab. Wilde Nächte, wie der auf ein Dickinson-Gedicht anspielende Titel in Aussicht stellt, finden sich darin keine. Dafür Unmengen amüsanter, leidenschaftlicher und kluger Tage.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/wild-nights-with-emily-2018