Carmine Street Guitars (2018)

Die Gitarre und das Mehr

Eine Filmkritik von Harald Mühlbeyer

Eine kleine Werkstatt in Greenwich Village, New York; die Zeit ist stillgestanden, dafür sorgt Kelly, der mit Computern oder gar Internet nix zu tun hat. Er baut Gitarren und benutzt das Werkzeug, das ihm sein Großvater vererbt hat; und der hat es wiederum von seinem Vater bekommen. Er verwendet nicht irgendein Holz, sondern das Gebälk alter New Yorker Gebäude, das bei Umbauten oder öfter noch bei Abrissen ansonsten weggeworfen würde. Er kennt sich aus mit dem Holz, mit dem Klang, den das Holz erzeugen kann, wenn es so richtig abgelagert ist. Bäume, die in den USA längst ausgestorben sind, geben das Rohmaterial für seine Gitarren her, und Ron Mann streift mit der Kamera sinnlich über die Blöcke in Kellys Lager, begutachtet das Werkzeug, blickt Kelly über die Schulter beim Schleifen und Hobeln und Sägen.

Holz, ein oder zwei Pickups, Strom: Eigentlich ganz einfach, so eine E-Gitarre. Einfach und komplex, das beweist Carmine Street Guitars: Immer wieder kommen wie zufällig Gitarristen in den Laden und spielen ein bisschen was, und sie unterhalten sich mit Kelly, der auf seine freundliche, zurückhaltende Art eine Art Buddha des Saitenklangs ist: Seine Gitarren haben eine gewisse Aura, er selbst orientiert sich am legendären Leo Fender. Handgemacht und maßgeschneidert sind Rick-Kelly-Instrumente, es gibt sie halt noch, die guten alten Dinge. Ihm zur Seite steht eine 25-jährige Auszubildende – die nicht nur wunderschönes Artwork in die Gitarren eingraviert, sondern auch Instagram bedient –, und seine Mutter, die den Bürokram erledigt. Da Kelly selbst an die 70 sein muss, ist sie schon etwas tatterig und sorgt für den comic relief. Während Kellys Kunden/Besucher für den Informationsfluss sorgen: Sie unterhalten sich mit dem Gitarrenbauer über die Instrumente, über die Musik, darüber, wie es früher war, und Kelly redet gern mit ihnen, er hat ja sonst nichts außer Gitarren sind sein Leben.

Die Dialoge, das Auftauchen der Gitarristen von Bob Dylan oder von Patti Smith oder des Gitarrentechnikers von Lou Reed: Sie wirken dennoch etwas gekünstelt; aber das macht nichts, weil es auf die Personen ja nicht ankommt. Es geht um die Gitarre und darum, einen Klang zu erzeugen. Irgendwann kommt Jim Jarmusch reingeschneit, er hat Ron Mann überhaupt erst auf das Sujet gebracht, hat ihn mit Rick Kelly und seiner Gitarrenwerkstatt bekannt gemacht. Jetzt lässt Jarmusch ein paar Saiten austauschen und fachsimpelt über das Eschensterben – auch eine der Holzsorten, die im Verschwinden begriffen ist.

Ron Mann fängt die Aura, den Mythos der Gitarre auf faszinierende Weise ein, sein Film vermag den Zauber zwischen Bauen und Spielen zu verbildlichen, weil eine Gitarre eben immer viel mehr ist als die Summe ihrer Teile, auch viel mehr als die Klänge, die man mit ihr erzeugen kann. Und auf feine Art webt Mann dazu den Nachhaltigkeitsdiskurs ein: Holz wird weggeworfen, aber von Kelly gerettet, recyclet und auf magische Weise mit Musik aufgeladen. Und die Gentrifizierung lugt um die Ecke, Greenwich Village wandelt sich, Häuser verschwinden, Läden und Menschen, es herrscht Ausverkauf und Neubesiedlung. Einmal kommt ein Immobilienmakler rein, er verkauft das Nachbargebäude, und Kelly lässt ihn ganz freundlich auflaufen. Bei ihm gibt es sowas nicht. Er schließt das alles aus. Bei ihm geht es zu wie immer schon, und es wird immer so zugehen. Und die Magie der Gitarre wird ewig fortbestehen, und das Holz wird ewig klingen.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/carmine-street-guitars-2018