Aquarela (2018)

Discovery-Channel auf Steroiden

Eine Filmkritik von Kais Harrabi

Kossakovsky hat sich für seinen Film Wasser als ProtagonistIn ausgesucht. Seine Reise führt ihn von dem zugefrorenen russischen See zu den Eisbergen hoch im Norden durch einen Hurricane in Florida bis nach Südamerika, zum höchsten Wasserfall der Welt. Abgesehen vom beklemmenden Anfang zeigt Kossakovski die meiste Zeit einfach nur Wasser in seiner ganzen, fürchterlichen Schönheit. Meterhohe Eisberge und wuchtige Wellen donnern da über die Leinwand, immer wieder untermalt von den donnernden Metal-Klängen der Band Apokalytica.

Ein wenig erinnert Aquarela an Godfrey Reggios Quatsi-Trilogie. Auch er montiert weitestgehend kommentarlos Bilder aneinander, allerdings untermalt von Philipp Glass‘ Musik. Im Gegensatz zu Reggios Trilogie ist Aquarela aber nicht an einer esoterisch anmutenden Ganzheitlichkeit interessiert. Ihm geht es darum, Urgewalten im Kino spürbar zu machen. Deshalb ist der Film ursprünglich mit 96 Bildern pro Sekunde gedreht worden (ein normaler Kinofilm hat 24 Bilder pro Sekunde). Als der Film auf dem DOK Leipzig Festival 2018 gezeigt wurde, echauffierte sich Kossakovsky bei der Anschließenden Fragerunde sehr lange darüber, dass er den Film nur mit 48 Bildern pro Sekunde zeigen konnte. Außerdem sei der Ton zu leise gewesen. An der Intention bleiben also keine Zweifel. Aber selbst in dieser „Light“-Fassung lassen sich an Aquarela die Sinne berauschen, wie an kaum einem anderen Film.

Trotz der ästhetischen Wucht bleibt der Film auf einer intellektuellen Ebene aber eher mau. Das Wasser steht für nichts, es bedeutet nichts, es tun sich selten Metaphern auf. Einmal, relativ am Anfang, da sitzen ältere Männer auf dem zugefrorenen See, während hinter ihnen am Berg ein Haus brennt. Das Bild könnte man im Hinblick auf den Klimawandel deuten, aber Zweifel bleiben, ob das nicht schon Überinterpretation ist. Aquarela gefällt sich in der Rolle einer Discovery-Channel-Doku auf Steroiden; Naturfilm auf blanke Ästhetik reduziert. Nie dagewesene Bilder werden gezeigt. (Kossakovsky und seine Crew wollen die ersten gewesen sein, die einen Eisberg von unten gefilmt haben.) Der rote Faden, der alles zusammenhält, ist denkbar dünn: Eis, Wasser, Wasserdampf. Eine Reise durch die Aggregatszustände. Glücklicherweise ist der Film dabei ganz Blockbuster: Für denken bleibt keine Zeit vor lauter Staunen.

Das heißt aber nicht, dass Kossakovsky mit Aquarela nichts will. Auf dem DOK-Festival kam der Regisseur bei der Vorstellung seines Films auf den Klimawandel zu sprechen und erzählte, wie er am Anfang der Dreharbeiten eigentlich das klar durchsichtige Eis des russischen Sees hatte filmen wollen. Doch wegen der ungewohnt milden Temperaturen sei die Eisdecke milchig gewesen. Er habe schon die Kameras einpacken und die Dreharbeiten abbrechen wollen, erzählt Kossakovsky. Dass dann Autos eingebrochen seien, sei für ihn ein zynischer Glücksfall gewesen.

Aquarela ist vor allem ein großes Spektakel, von dem außer der sinnlichen Überforderung relativ wenig übrigbleibt. Bemerkenswert ist allerdings, dass es sich wirklich lohnt, den Film mit voller Lautstärke und mit der vollen Auflösung auf großer Leinwand zu schauen. Bei fiktiven Filmen, die derart technisch aufgebohrt gedreht werden, leidet oft die Illusion (Peter Jacksons Hobbit-Trilogie ist vermutlich das bekannteste Beispiel). Bei Aquarela untermauern die Lautstärke und die hohe Framerate den Anspruch des Films: Die Naturgewalt fassbar zu machen, sie erlebbar zu machen. Das funktioniert – vor allem im Kino – erstaunlich gut.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/aquarela-2018