Das Leben meiner Tochter (2019)

Herzflimmern

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Trotz einer durchaus brisanten Thematik, die den Drehbuchabsolventen und Buchautor Weinert, der an der Filmakademie Baden-Württemberg studiert hat, zu diesem Filmprojekt veranlasst hat. Das zentrale Anliegen des 1975 geborenen Filmemachers und Drehbuchautors (Finn und der Weg zum Himmel), mit seinem offen emotional angelegten Spielfilm ein größeres Publikum für das Tabuthema Organspende zu sensibilisieren, ist ihm mit diesem zwar unspektakulär in Szene gesetzten, jedoch gesellschaftspolitisch hochrelevanten Drehbuchstoff in toto passabel, wenn auch nicht überragend, gelungen.

Er wolle damit „eine Geschichte erzählen, die die moralischen Grenzen auslotet“, sagt Weinert über seinen Grundantrieb für dieses filmische Herzensprojekt. Im Zentrum dieser moralisch-ethischen „Achterbahnfahrt“ (Steffen Weinert) steht die achtjährige Jana, die bei einem gemeinsamen Familienausflug in den Bergen plötzlich von akuter Atemnot befallen wird – und sofort in die Notaufnahme gebracht werden muss. Kurz darauf erfahren die Eltern Micha (Christoph Bach) und Natalie Faber (Alwara Höfels), dass ihre Tochter schwer herzkrank ist und möglichst rasch ein Spenderorgan benötigt.

Ihre Überlebenschance geht ansonsten gen null, was die eigenwillig-aufgeweckte Jana (Maggie Valentina Salomon als erfrischende Schauspieldebütantin) später lediglich mit einem trockenen „Jeder muss sterben“ quittiert: Nicht nur zur Überraschung ihres sichtlich überforderten Vaters, der nicht nur wegen seines Rollennamens gleich mehrere Assoziationen zur berühmten „Homo-Faber“-Figur aus Max Frischs Roman weckt. Für jedes noch so komplexe Problem wird sich schließlich eine passable technisch-naturwissenschaftliche Lösung finden, ist er überzeugt.

Und wenn alles nichts (mehr) hilft: Dann rollt eben der Rubel und das nächste illegale Organ – irgendwo in Rumänien – wartet schon auf (s)einen deutschen Empfänger. Christoph Bach verkörpert diesen Micha als zentrale Hauptfigur weitgehend nahbar und einfühlsam, ohne allzu oft in die Kitschfalle zu tappen, wenngleich mehrere Dialogzeilen in Das Leben meiner Tochter geradezu vor ambivalentem Herz-Schmerz-Pathos strotzen: „Ich hab’ dich sehr lieb, Kind“ (Micha) – „Ich hab’ dich auch lieb“ (Jana) oder „Falls ich sterbe, komme ich bestimmt als Blume wieder“.

Das kann man nun süßlich-ehrlich finden oder als kitschig-banalen Drehbuchschmarrn abkanzeln, was im Grunde nicht minder für eine Reihe ästhetischer (Musik: Matthias Sayer und Tim Ströble) wie dramaturgischer Entscheidungen in Weinerts Film gilt, der sich in den letzten zehn Minuten obendrein sogar noch partiell in einen Thriller verwandelt. Insgesamt mag jenes auf ein breites Publikum zielende Konzept sicherlich als Fernsehfilmaufmacher zur Primetime (beispielsweise für eine „ARD-Themenwoche“) ordentlich funktionieren. Für einen durchgängig nervenaufreibenden Familien-, Beziehungs- oder gar einen moralisch-ethischen Diskurs-Film zum derzeit historisch niedrigen Organspenderaufkommen in der BRD für die große Kinoleinwand reicht das Ganze allerdings nur bedingt. Und so macht sich beim Zuschauer alsbald das Gefühl breit, dass Weinerts an sich engagiert, aber verhältnismäßig lehrbuchhaft angelegter Leinwandstoff über das wörtlich zitierte „Prinzip Hoffnung“ (Ernst Bloch) für eine Laufzeit von 90 Minuten nie hinauskommt.

Schade eigentlich, da alleine in Deutschland derzeit gut 10.000 schwerkranke Menschen dringend auf ein Spenderorgan warten und eine offene Debatte im Deutschen Bundestag über die Novellierung des Organspendeausweises sowie eine sogenannte „doppelte Widerspruchslösung“ (Bundesgesundheitsminister Jens Spahn) gerade erst richtig an Fahrt aufgenommen hat.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/das-leben-meiner-tochter-2019