My Days of Mercy (2017)

Um Leben und Tod

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Das Drehbuch von Joe Barton mutet zuweilen gewiss recht konstruiert an; die differenzierte Milieu- und Charakterzeichnung sowie die starken schauspielerischen Interpretationen und die sensible Umsetzung der israelischen Regisseurin Tali Shalom-Ezer erfüllen das US-Indie-Werk indes mit dem nötigen Leben. Im Mittelpunkt steht die junge, arbeitslose Lucy (Ellen Page) aus Ohio, deren Mutter angeblich von ihrem Vater (Elias Koteas) erstochen wurde. Zusammen mit ihrer älteren Schwester Martha (Amy Seimetz) und ihrem kleinen Bruder Ben (Charlie Shotwell) reist sie in einem Wohnmobil zu Hinrichtungen im ganzen Land, um gegen die Todesstrafe zu protestieren. Auch der Hinrichtungstermin ihres Vaters wird schließlich bekannt gegeben. Noch hofft die Familie, mit der Hilfe eines Anwalts (Brian Geraghty) den Fall erneut aufrollen zu können.

Bei einem der Proteste begegnet Lucy der etwa gleichaltrigen Mercy (Kate Mara). Deren wohlhabende, konservative Familie wurde durch einen Mord traumatisiert und setzt sich seither vehement für die Todesstrafe ein. Aus einem Flirt zwischen den beiden gegensätzlichen Frauen wird alsbald Liebe – doch die Entstehung einer Beziehung droht an etlichen Hürden zu scheitern.

Seine intensivsten Momente hat My Days of Mercy zum einen, wenn er sich ganz auf seine beiden Protagonistinnen konzentriert. Wie die beiden sich erste interessierte Blicke zuwerfen; wie sie in Gesprächen den Humor ihres Gegenübers zu schätzen lernen und langsam den Hintergrund hinter der zunächst völlig unverständlichen Pro- beziehungsweise Contra-Sicht der anderen erfahren – und wie es schließlich zum sexuellen Erwachen der beiden kommt, perfekt unterlegt mit dem Soul-Pop-Song „Mercy“ von Duffy. Das Zusammenspiel von Ellen Page und Kate Mara erreicht dabei einen beachtlichen Grad von Intimität, selbst wenn sich ihre Figuren später nur via Skype nah sein können. Zum anderen überzeugt die Darstellung der Lebensumstände. Lucys Jobsuche verläuft frustrierend; ihre Schwester Martha hat sich auf eine sexuelle Beziehung mit dem Anwalt Weldon eingelassen, da die Familie ihn nicht bezahlen kann. Das Geschwisterverhältnis zwischen Lucy und Martha wird ebenso glaubhaft gezeigt wie die Ersatzmutterrolle, die die beiden für ihren kleinen Bruder Ben einnehmen müssen.

Strukturiert wird My Days of Mercy durch top shots, die die letzten Mahlzeiten der zum Tode Verurteilten vor der Hinrichtung einfangen, sowie durch die Einblendung eines Countdowns bis zum Hinrichtungstermin von Lucys Vater. Der Film könnte bei all diesen schweren Themen und Konflikten überfrachtet wirken; Shalom-Ezer sorgt allerdings für eine Zurückhaltung, die stets verhindert, dass ihre Arbeit zu einem Tränenzieher wird. Sie will uns nicht belehren, sie will uns nicht quälen – sie bringt uns einfach ganz nah an zwei Menschen heran und lässt uns mit ihnen mitfühlen. Das tut natürlich weh, und das muss es auch.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/my-days-of-mercy-2017