Scary Stories to Tell in the Dark (2019)

Creepier Things

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Der Film des norwegischen Regisseurs André Øvredal (Trollhunter) basiert auf der gleichnamigen, von Alvin Schwartz verfassten und von Stephen Gammell illustrierten Young-Adult-Buchserie, die zwischen 1981 und 1991 in drei Bänden erschien und seinerzeit von manchen Eltern aufgrund ihrer Grausamkeit als äußerst skandalös empfunden wurde. Das Skript der Brüder Dan und Kevin Hageman verwebt nun diverse Kurzgeschichten von Schwartz zu einer zusammenhängenden Handlung. Diese spielt im Herbst des Jahres 1968 in der fiktiven Kleinstadt Mill Valley in Pennsylvania.

Hier lebt die Schülerin Stella (Zoe Margaret Colletti) mit ihrem Vater Roy (Dean Norris), der sich seit dem Verschwinden von Stellas Mutter völlig zurückgezogen hat. Mit ihren Freunden Chuck (Austin Zajur) und Auggie (Gabriel Rush) bildet Stella eine genretypische Outsider-Truppe, die durch einen Halloween-Streich ins Visier des Schul-Bullys Tommy (Austin Abrams) gerät. Auf der Flucht vor dem brutalen Athleten landet das Trio zuerst im Auto des jungen Ramón (Michael Garza) und später, gemeinsam mit dem verschlossenen Drifter, in einem Spukhaus, das einst von der wohlhabenden Familie Bellows bewohnt wurde. Die Tochter Sarah soll darin noch immer als Geist ihr Unwesen treiben. Als Stella ein mit Blut geschriebenes Buch von Sarah, in welchem gruselige Erzählungen stehen, an sich nimmt, ahnt sie nicht, dass sie damit einen Höllenritt für ihr Umfeld in Gang setzt. Denn plötzlich kommen neue Schauergeschichten hinzu – mit realen Personen im Zentrum.

Was folgt, ist eine Mischung aus der pulpigen Anthologie-Serie Geschichten aus der Gruft (1989-1996), den Fantasy-Slashern Final Destination (2000) und Düstere Legenden 3 (2005) sowie dem bereits erwähnten Netflix-Hit Stranger Things. In seiner Body-Count-Dramaturgie ist Scary Stories to Tell in the Dark größtenteils allzu vorhersehbar, zumal einige Nebenfiguren – etwa der gemeine Tommy, die naiv-eitle Schwester von Chuck oder der ignorante örtliche Polizeichef – in ihrer Eindimensionalität völlig uninteressantes „Dämonenfutter“ sind und auch das Hauptpersonal durch sein extrem törichtes Verhalten nicht so richtig sympathisch wirkt. Wie so häufig in Horrorfilmen rollt man als Zuschauer_in an vielen Stellen eher mit den Augen statt mit den Verfolgten und Ums-Überleben-Kämpfenden mitzufiebern. Die einzig wirklich einnehmende Figur ist – auch dank des Schauspielers Michael Garza – der flüchtige Ramón, dessen Hintergrund sich erst allmählich erschließt.

Zwei Punkte heben Scary Stories to Tell in the Dark allerdings doch über den Genredurchschnitt. Zum einen gelingt es dem Werk, eine Atmosphäre zu schaffen, die zwar eine gewisse Nostalgie ermöglicht (etwa wenn Die Nacht der lebenden Toten in einem Autokino läuft), vor allem aber die Ängste und Probleme der damaligen Zeit spürbar macht: Der Vietnamkrieg wird in den Medien verhandelt, die Präsidentschaftswahl – die der korrupte Republikaner Richard Nixon gewinnen wird – beschäftigt die Bevölkerung und Rassismus wird mal in Andeutungen, mal gänzlich unverhohlen ausgelebt. Dabei werden einige kluge Bezüge zur Jetztzeit hergestellt – und sowohl dramaturgische als auch visuelle Hinweise eingestreut, dass der Hass sowie sämtliche Ungerechtigkeiten und Verbrechen aus der Vergangenheit stets Einfluss auf die Gegenwart und die Zukunft nehmen.

Zum anderen überzeugt das Produktionsdesign des Films, das deutlich die Handschrift des (Mit-)Produzenten Guillermo del Toro trägt. Wenn eine Vogelscheuche lebendig wird oder eine rundliche, bizarr lächelnde Gestalt ganz, ganz langsam (und obendrein noch in duplizierter Form) die rot beleuchteten Korridore eines Sanatoriums entlangschreitet, mag das auf dem Papier ein bisschen klischeehaft klingen, entfaltet auf der Leinwand dank einer originellen Gestaltung der Gefahren jedoch durchaus seinen Reiz.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/scary-stories-to-tell-in-the-dark-2019