Historia de mi nombre (2019)

Erinnern und Vergessen

Eine Filmkritik von Katrin Doerksen

Karin Cuyul wurde nach Karin Eitel benannt, einer Studentin, die Pinochets Geheimpolizei 1987 festnahm und deren Befragung und Folterung man ins Fernsehen übertrug – kurz vor dem Referendum, in dem die Amtsverlängerung des Diktators schließlich verhindert wurde (wie Pablo Larraín in seinem Film No! nacherzählte). Die Filmemacherin habe immer das Gefühl gehabt, kommentiert sie einmal aus dem Off, ihre Eltern verschwiegen ihr etwas, einen wichtigen Teil ihrer eigenen Familiengeschichte. Ihre eigene Reise durch Chile montiert Cuyul in Historia de mi nombre deswegen mit Videoaufnahmen aus ihrer Kindheit. Viele sind nicht geblieben, nachdem ein Feuer die meisten Erinnerungsstücke zerstörte. Aber die bruchstückhafte Dokumentation ihrer frühen Jahre überträgt ihr Gefühl, eine entscheidende Wissenslücke mit sich herumzuschleppen. 

Die Kenntnisse, die Cuyul am Ende ihres Films gewinnt, sind im Grunde weder weltbewegend noch besonders detailliert, für die eigene Familienchronik wahrscheinlich bedeutender als für die chilenische Geschichtsschreibung. Aber wie so oft zählt der Weg zur Erkenntnis mehr. Er wirft ein erhellendes Schlaglicht auf die Frage nach Wahrheit, nach individueller ebenso wie kollektiver Erinnerung und Verdrängung – in Karin Cuyuls Worten sowohl als auch ihren Bildern. Während sie nach und nach die Orte ihrer Kindheit besucht – die Familie war damals häufig umgezogen –, verändern sich nicht nur die Landschaften des langgezogenen Landes, sondern auch die Milieus, in denen sie sich bewegt. „Hier gibt es keine Ruinen, nur intakte Gebäude,“ stellt Cuyul fest, als sie das alte Haus ihrer Familie am Strand von Queilen im Süden Chiles besucht, wo es ganz anders aussieht als zuvor im steinig-staubigen Antofagasta im Norden, nahe der Wüste Atacama. „Vielleicht eine andere Form des Vergessens.“

Ähnlich wie Patricio Guzmán in seinem dokumentarischen Essay Der Perlmuttknopf stellt Karin Cuyul in Historia de mi nombre einen Zusammenhang zwischen der chilenischen Topografie und der Geschichte des Landes her. Sie sei in ihrer Kindheit stets auf Naturkatastrophen eingestellt gewesen, erzählt sie. Bei Erdbeben bereit an den Strand zu rennen, bei Tsunamis bereit in die Berge zu fliehen. Diese ständige Alarmbereitschaft scheint in der DNA ihrer Familie angelegt. Warum reden ihre Eltern auch heute nicht gern über ihre Vergangenheit, Jahrzehnte nach der Diktatur, fragt sie sich. Warum diese Angst? Und endlich entschließen sie sich, ihr zumindest partiell zu antworten. Die Geschichte könne sich jederzeit wiederholen, argumentieren sie, reden etwa zum ersten Mal darüber, dass sie beim Referendum 1988 nicht mit „nein“ stimmten und zerstören damit die Illusionen ihrer Tochter. Sie hätten sich enthalten. Nicht etwa, weil sie für Pinochet gewesen wären. Sondern weil das Referendum keine wirkliche Abwahl gewesen sei, nur ein Pakt mit den Bösen. Nichts habe sich seither geändert, der Kampf sei noch lange nicht ausgekämpft. Und einfach so wird ein Film über die Geschichte einer chilenischen Familie universell anwendbar. 

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/historia-de-mi-nombre-2019