Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn (2020)

Die Auferstehung der Harley Quinn

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Man erinnert sich an sie als eine der bunt-schillerndsten Figuren aus „Suicide Squad“ (2016), deren extreme Ambivalenz aus zerbrechlicher Zartheit und völlig psychotischem Wahnsinn vor allem zum Einsatz kam, um Lacher auszulösen und dem Film das nötige Sexappeal zu geben. Doch hinter dieser oberflächlichen, sexistischen Bearbeitung David Ayers steckt eine Figur des DC-Universums, die wie keine andere Freud und Leid, Menschlichkeit und Übermenschliches mit einander verbindet. Das sah auch die Hauptdarstellerin Margot Robbie so, die mit „Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn“ einen eigenen Film für diese Figur produziert hat. Das Ergebnis ist erstaunlich.

Zusammen mit Regisseurin Cathy Yan und der Drehbuchautorin Christina Hodson hat Robbie sich hier zu einem intersektionellen Frauenteam zusammengetan, die nichts anderes tun, als das schon halb totgeschlagene Genre des Superheldenfilmes als Vehikel zu benutzen, um einerseits wirklich viel Spaß zu haben, andererseits die üblichen Tropen und Geschichten aber umzudrehen und dieses zutiefst hypermaskuline Genre aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, der bisher nie (mit)gedacht wurde. Weibliche Figuren im Superheldenfilm sind zwar vorhanden, doch sie sind stets nur Helferinnen oder Handlanger, immer super sexy und in engen Klamotten, vorzugsweise freizügig oder mit der klassischen engen Lederhose ausgestattet. Sie helfen, sie opfern sich und sterben, um dem Helden oder auch dem Schurken ein Katalysator für seine Entwicklung zu sein.

Eine der markantesten und schlimmsten Auswüchse dieser Idee ist Harley Quinn (Margot Robbie), eine junge Frau, die sich aus einer miserablen Kindheit bis hin zu einem Doktor in Psychotherapie hochgearbeitet hat, nur um dort auf den Joker zu treffen, der sie bei ihrem Verlangen geliebt zu werden packt und manipuliert, nur um sie nach seinem Freikommen zu foltern, psychisch, emotional und physisch zu missbrauchen und sie in den Wahnsinn zu treiben. In Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn trifft man Harley am Ende dieser Reise. Sie ist für den Joker nicht mehr interessant, er schmeißt sie raus. In Gotham City wird sie damit zum Freiwild, denn ihre Abhängigkeit vom Schutz des Jokers ist in der Tat lebenswichtig. Doch das sind Tatsachen, die der Film nicht offensichtlich und vor allem nicht im melodramatischen Modus etabliert. Im Gegenteil, Birds of Prey ist laut und bunt und lustig-überdreht und lebt vor allem von seiner unzuverlässigen Erzählerin, denn endlich darf Harley Quinn von sich selbst sprechen, anstatt von anderen erzählt zu werden. Hier, in der ersten Minute, geht sie also schon los die Emanzipation, die der Titel verspricht. Und Harleys Emanzipieren geschieht gänzlich zu ihren eigenen Regeln, so man bei ihr überhaupt von Regeln sprechen kann.

Und so springt der Film von einem Moment zum anderen, geht vor und zurück in der Zeit und strickt seine Geschichte gekonnt ungeordnet zusammen. Da ist Harley, die sich einem Haufen Männer erwehren muss, die sich jetzt an ihr rächen wollen, die in ihrer Lieblingsbar auf Dinah (Jurnee Smollett-Bell), die dort Sängerin ist, aber auch alsbald für den Schurken des Filmes, Roman Sionis aka Black Mask (Ewan McGregor) als Fahrerin arbeiten muss. Im Verlauf des Film wird sie zu Black Canary werden, einer Frau mit ordentlichen Kampfskills und einer metahumanen Stimme, mit der sie Schallwellen produziert. Doch Harley laufen noch drei andere Frauen über den Weg: die Polizistin Renee Montoya (Rosie Perez) ist die einzige in Gotham City, die sich nicht schmieren lässt und daher in der korrupten Polizeieinheit auf sich allein gestellt gegen Black Mask arbeitet. Stein des Anstoßes ist aber Cassandra (Ella Jay Basco), eine junges Mädchen, das eine hervorragende Diebin ist und einen Diamanten klaut, hinter dem Black Mask her ist. Sie schluckt den Stein, als sie erwischt wird und wird damit zur Zielscheibe. Aus dem Nichts taucht wiederum die Assasine Huntress (Mary Elisabeth Winstead) auf, die mit Black Mask und Co. ihr eigenes Rachehühnchen zu rupfen hat. Und so kommt es, wie es kommen muss: die Frauen verbünden sich, um das Kind zu retten und Gerechtigkeit walten zu lassen. Und Harley macht mit, denn eine Frauenbande, in der sie auf Augenhöhe ist, das hatte sie noch nie. Und so hacken und schlagen sich Harley und Co. durch Gotham mit extra viel Spaß und coolen Sprüchen, mit Schauwerten und Tropen des Superheldenfilmes, die man eigentlich schon tausend Mal gesehen hat aber eben nicht so.

Mit so ist der Blick gemeint, der hier nicht auf die Frauen, sondern von den Frauen selbst entstammt und der sich nicht aufhält an Körpern, sondern mit ihnen arbeitet. Wer Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn sieht und es vorher nicht schon bemerkt hat, wird schnell feststellen, wie viel mehr Spaß so ein gleichberechtigter Blick hat, dessen Fokus nicht auf Sexiness oder Hypermaskulinität beharrt, sondern bei den Figuren ist und bleibt.

Und genau das macht diesen Film aber auch so besonders, denn er liefert ein hervorragend frisches Aufleben des Genres und gleichzeitig einen subtilen aber umso wichtigeren Exzess, den man so noch nicht in dieser Art Film erlebt hat. Das emanzipierte Moment ist nicht nur der Blick des Films und die Möglichkeit, dass Harley endlich ihre eigene Geschichte erzählt. Nein, das Aufbegehren und sich Befreien findet auch in klitzekleinen Momenten statt, von denen der Film gespickt ist, die aber gar nicht gleich auffallen: Es sind die Momente, in denen der Film kurz innehält in einem Moment, der auffällig ruhig wird, wenn auch nur für ein paar Sekunden. Es sind die Momente, in denen eine Meta-Erzählung stattfindet, die von Frauenschicksalen spricht, die so normalisiert sind, dass man sie gar nicht mehr wahrnimmt. Sie handeln von Frauen, die geschlagen werden oder sterben müssen, sie handeln von Vergewaltigungen und Gewalt gegen Frauenkörper, vom harten Arbeiten für weniger Geld und keiner Anerkennung, von Traumata und häuslicher Gewalt, kurzum von Dingen, die man, wenn man einmal genauer hinschaut, in vielen Filmen und im Leben finden kann und sie doch kaum noch wahrnimmt, weil es egal ist oder eben zum Narrativ dazugehört.

Genau hier verankert sich die Genialität, schlägt der Film doch lässig das eigene Genre und letztlich auch das Publikum mit den eigenen Regeln und Gewohnheiten direkt ins Gesicht.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/birds-of-prey-the-emancipation-of-harley-quinn-2020