Nurejew - The White Crow (2018)

Tanzen in Freiheit

Eine Filmkritik von Verena Schmöller

Nurejew – The White Crow beginnt mit dem Blick in die übervolle Transsibirische Eisenbahn. Es ist der 17. März 1938, und während die Passagiere essen, schlafen und sich unterhalten, wird in einem Abteil ein Junge geboren: Rudolf Chametowitsch Nurejew. Auf diese Art auf die Welt zu kommen, wird Rudi sein Leben lang prägen. 

Als Kind ist er ein Außenseiter, eine ‚weiße Krähe‘, wie man sagt: Wenn die anderen Kinder spielen, beobachtet er. Er ist lieber allein und macht sich sein eigenes Bild von der Welt. Als seine Mutter eines Tages eine Karte für eine Ballettvorführung in Ufa geschenkt bekommt und die Kinder mit ins Theater einschleust, ist das für Rudi wie eine Offenbarung, und er weiß sofort: Hier im Theater will er sein Leben verbringen. Fortan arbeitet er an seiner Karriere als Tänzer.

Erst spät kommt der 17-jährige Rudi (Oleg Ivenko) an die für ihn richtige und ihn herausfordernde Schule – und gleich zu Beginn hat er das Ziel, die Ausbildung in der Hälfte der Zeit zu durchlaufen. Er weigert sich, bei einem Lehrer zu lernen, der ihn zu wenige fordere, und so darf er bei Ballettlehrer Puschkin (Ralph Fiennes) vortanzen und bleiben. Ein Glücksgriff: Rudi liebt Puschkins Stunden, und er würde alles dafür tun, ein Lob oder nur ein zufriedenes Lächeln beim Meister zu erwirken.

Ralph Fiennes selbst mimt Rudis Ballettlehrer in Leningrad, den berühmten Alexander Iwanowitsch Puschkin, und das mit Ruhe und Bedacht. „Nur durch Disziplin erreicht man Freiheit“, erklärt er dem jungen Nurejew. Fast andächtig gibt er seinem Zögling Ratschläge und erklärt ihm, wie er Erfolg haben wird – tänzerisch wie taktisch. Gleichzeitig schwingen eine seltsame Melancholie, aber auch eine Art gewaltsame Zurückhaltung in Fiennes‘ Spiel mit, die das Politische im Film von Beginn an andeuten: Die Figur wirkt, als sei sie selbst derart vom sowjetischen System gegängelt, dass sie nicht anders als in genügsamer Ruhe, fast Trägheit agieren kann. Puschkin hat sich seine Nischen der Freiheit im System gesucht, diese aber werden Rudi nicht reichen.

Für sein Ziel, der beste Tänzer der Welt zu werden – denn nichts anderes hat er vor –, trainiert Rudi hart, macht kaum Pausen, vergisst zu essen – bis sich Xenia, Puschkins Frau (Chulpan Khamatova), um ihn kümmert und ihm erst eine Suppe in den Ballettsaal und dann immer etwas vorbeibringt. Als sich Rudi beim Training verletzt, nimmt das Ehepaar Puschkin ihn bei sich in der beengten Einzimmerwohnung auf. Was Rudi bei der Heilung seines Fußes hilft, stürzt ihn gleichzeitig fast ins Verderben. Denn Xenia liebt mehr an ihm als nur den meisterhaften Tänzer.

Nurejew – The White Crow hat seinen Protagonisten immer im Fokus – nicht nur als Figur einer (Lebens-) Geschichte, sondern auch als Tänzer. Fiennes hat mit Oleg Ivenko einen Tänzer für die Rolle Nurejews engagiert, und darüber hinaus nimmt sich der Film auch die Zeit für lange Tanzszenen, die Rudis tänzerisches Können offenbaren und gleichzeitig belegen, dass Rudis Selbstherrlichkeit durchaus gerechtfertigt ist. Rudi strotzt vor Selbstüberzeugung und geht damit seinem Umfeld bisweilen gehörig auf die Nerven. 

Mit dem Kirow-Ballett feiert Rudi erste Erfolge und darf Anfang der 1960er Jahre – obwohl er sich nicht als der gehorsame Schüler und vorbildliche Sowjetbürger zeigt – mit dem Ensemble auf Reisen gehen. Damit geht für Rudi ein Traum in Erfüllung: Paris, London sehen. Einmal in Paris, genießt Rudi die westliche Freiheit in vollen Zügen – sofern die ihn stets beobachtenden Männer vom sowjetischen Geheimdienst dies zulassen. 

Gleich nach seiner Ankunft geht er nicht wie die anderen erst einmal ins Hotel, sondern spaziert über die Plätze und durch die Straßen von Paris. Er schaut sich die Brunnen, Statuen und Inschriften an, an denen er vorbeigeht, und saugt jedes „liberté“, jede Prise Freiheit auf. Rudi besucht die Museen der Stadt, schon frühmorgens, wenn der Rest der Kompanie noch im Bett liegt. Er will der Erste im Louvre sein und allein vor dem Floß der Medusa stehen, damit er genügend Raum und Zeit für dessen Betrachtung hat. Er sucht sich Freunde unter den französischen Tänzern, darunter die Chilenin Clara Saint (Adèle Exarchopoulus), geht mit ihnen abends aus, diskutiert über das Wesen der Kunst und besucht die Jazz-Clubs der Stadt. 

Rudi kostet das Leben des Westens und der Kunst in vollen Zügen und all ihren Facetten. Und als er nach dem sechswöchigen Aufenthalt zurück nach Moskau anstatt nach London fliegen soll, spürt man die Unterdrückung und Angst vor der erneuten Unfreiheit in seinem Blick, in seiner Gestik, in seiner ganzen Körperhaltung. Nein, einmal vom Kelch der Freiheit probiert, kann er nicht mehr zurück. Und der Film wandelt sich am Ende in einen aufregenden Polit-Thriller.

Aber eigentlich ist Fiennes‘ Film durchweg politisch: Zeigt er doch anhand seiner Hauptfigur, welche starken Einfluss das Sowjetsystem auf den Einzelnen hat. Dass der Gezeigte ein Künstler ist, der nichts mehr als die Freiheit liebt, verstärkt diesen Eindruck natürlich. Und letztendlich bleibt Nurejew keine andere Wahl als zu gehen und den Schutzmantel der Puschkins zu verlassen, und später: zu bleiben und nicht mehr in den ihn einengenden Käfig der Sowjetunion zurückzukehren. Wer in einem Zug geboren wurde, kann nicht stehen bleiben, kann nicht zurück in den Käfig. Er muss sich bewegen immerfort.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/nurejew-the-white-crow-2018