Nur eine Frau (2019)

Geschichte einer Toten

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Es war der erste in einer Reihe von so genannten „Ehrenmorden“ – beziehungsweise die erste dieser Taten, die eine größere öffentliche Aufmerksamkeit erhielt. Denn in Wahrheit reicht die Geschichte der „Ehrenmorde“ in Deutschland um einiges weiter zurück, wie eine Studie der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte zeigt, die allein für den Zeitraum bis zur Tötung von Hatun Sürücü 78 Fälle von „ehrbezogenen Tötungsdelikten“ aufführt. 


Aynur (Almila Bagriacik) ist 15 Jahre alt, als sie auf Geheiß ihrer Eltern das Gymnasium in Berlin verlässt und eine arrangierte Ehe mit einem entfernten Verwandten in der Türkei eingeht. Jahre später steht sie wieder vor der Tür der Eltern, zusammen mit ihrem Sohn ist sie vor der Gewalt ihres Ehemannes geflohen und sucht nun Schutz bei ihrer Familie, die wenig erfreut ist, dass ihre Tochter sich dem Willen ihres Ehemannes widersetzt und so „Schande“ über die Familie gebracht hat. Schließlich findet sie Schutz in einem Frauenhaus, wagt es dann, eine Ausbildung zu beginnen und neue Beziehungen einzugehen – bis ihre Familie beschließt, dass die Ehre der Familie nur durch einen Mord wiederhergestellt werden kann. 

Hormanns Film basiert auf dem penibel recherchierten Drehbuch von Florian Oeller, das sich wiederum auf den Tatsachenroman Ehrenmord: Ein deutsches Schicksal von Matthias Deiß und Jo Goll bezieht und schlägt sich gleich zu Beginn eindeutig auf die Seite seiner Protagonistin, was auch an deren niemals gestelzten, sondern vielmehr ungeheuer lebensnahen Kommentaren zu ihrer eigenen Lage liegt. Gleichzeitig versuchen das Drehbuch und auch der Film, nicht nur die eine Seite, sondern eben auch die Sichtweise der Eltern und der Brüder sichtbar zu machen, ohne dass daraus eine Art von Verständnis oder gar Rechtfertigung für deren streng patriarchales Weltbild erwüchse. So endet etwa der chronologisch aufgebaute Film keineswegs mit Aynurs Tod, sondern bezieht auch die folgende Gerichtsverhandlung noch mit ein. 

Sherry Hormann riskiert mit ihrem Film eine ganze Menge – unter anderem auch, dass sie für das delikate Thema Applaus aus der falschen Ecke bekommen könnte, von allen jenen als Islamkritikern getarnten Rassisten, deren eigenes dumpfes Weltbild durch ein „barbarischeres“ beschönigt und aufgewertet werden soll. Außerdem verengt der dargestellte Fall den Blick darauf, dass „Ehrenmorde“ kein rein muslimisches Problem sind, sondern auch in anderen religiösen wie gesellschaftlichen Zusammenhängen geschehen. Zudem erstaunt, dass bei genauerer Analyse der Opferzahlen fast 43% der Getöteten Männer sind – sei es, weil sie als neue Liebhaber einer als „befleckt“ geltenden Frau oder als Homosexueller ebenfalls in den Augen der Täter ihr Recht auf Weiterleben verwirkt hatten. All diese Differenzierungen unterbleiben im Fall von Nur eine Frau, was sicherlich der Wucht der Geschichte zugutekommt, andererseits aber bestehende Klischees und Glaubenssätze über Ehrenmorde eher verstärkt. 

Vermutlich durchaus beabsichtigt schert sich Sherry Hormann in ihrem Film nicht um angemessenes Zeitkolorit: Wenn Aynur Ende der 1990er Jahre durch die Straßen von Berlin läuft, dann sind im Hintergrund fast schon überdeutlich Autos zu sehen, die erst sehr viel später gebaut wurden. Was auf den ersten Blick wie ein Fehler der Inszenierung anmutet, hat hier aber einen anderen Effekt: Seht her, es kann jederzeit wieder passieren – auch heute, suggerieren diese Bilder und die ihnen innewohnende Irritation. 

Zudem schaffen sie ebenso wie Aynurs bisweilen rotzige Off-Kommentare Nähe zu der Lebenswelt junger Muslima, die der Film gerne ansprechen möchte. Ob aber gerade solche junge Frauen muslimischen Glaubens, die selbst im engen Korsett patriarchalischer und fundamentalistischer Weltbilder gefangen sind, sich diesen Film werden anschauen können, muss dann doch erheblich bezweifelt werden. Insofern ist zu befürchten, dass Nur eine Frau vor allem zu jenen predigt, die eh schon um die Gefährlichkeit der Thematik wissen – und teilweise wohl auch zu jenen, die eh schon immer um die vorgebliche Gefährlichkeit des Islam im Allgemeinen gewusst haben. Das soll das Verdienst des Films keineswegs schmälern, aber eine Weitung des Blicks auf eine Perspektive, die mehr als diesen spezifischen Fall unter das Vexierglas nimmt, hätte man sich schon gewünscht.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/nur-eine-frau-2019