Weil du nur einmal lebst - Die Toten Hosen auf Tour (2019)

YOLO!

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Mehr als 190 Stunden Material haben Cordula Kablitz-Post und Paul Dugdale, der bei den Konzertaufnahmen Regie führte, angesammelt. Eine enorme Materialfülle, die wohl auch der Tatsache geschuldet ist, dass beide viel Zeit mit den Hosen verbrachten, um die Band und die Crew an ihre Anwesenheit zu gewöhnen und so mit der Zeit die Existenz der Kamera vergessen zu lassen. Zwar führt die Nähe tatsächlich zu zahlreichen intimen Momenten und zu ungeahnten Einblicken in das Leben im Tourbus und im Backstage-Bereich. Gleichzeitig aber vermisst man eine Haltung des Films und seiner Macher, die über das reine Beobachten und die unübersehbare Faszination für seine Protagonisten hinausgeht.

Wirklich Tiefgründiges oder Neues erfährt man weder von Campino noch von seinen Bandkollegen, die allesamt wie eine sozialdemokratische Ausgabe von Punk wirken. Sie haben das Herz am richtigen Fleck, sprechen sich deutlich gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit aus, leben aber zugleich - so macht es zumindest den Eindruck - in einer ganz eigenen Welt, in der das größte Problem vermutlich der Muskelkater nach einer Live-Show ist. Und so ist der Film wenig überraschend recht konfliktscheu, wenn man mal von Campinos manchmal beeindruckend schlechter Laune absieht. Selbst mit den früheren Erzrivalen Die Ärzte haben sich die Düsseldorfer mittlerweile so gut ausgesöhnt, dass es sich deren Rod Gonzalez nicht nehmen lässt, bei einem Konzert höchstselbst vorbeizuschauen und gemeinsam mit den Hosen „Stummer Schrei nach Liebe“ zu intonieren.

Die Widersprüche, die einem Phänomen wie den Toten Hosen fast zwangsläufig innewohnen, der Spagat zwischen Kommerz und Punk-Ethos, deutet der Film allenfalls an und zeigt kein sichtbares Interesse, diese über Gebühr sichtbar zu machen. Viel lieber kokettieren Campino, Breiti, Kuddel, Andi und der später hinzugekommene Vom mit dem Alter und den Zipperlein, die dann auf der Bühne wie weggefegt scheinen. Und natürlich mit den vielen Erinnerungen, die sich im Laufe eines Musikerlebens - eigentlich sind es ja fünf, doch der Frontmann steht auch in Weil du nur einmal lebst unübersehbar im Mittelpunk(t) - so ansammeln.

Da ist es fast schon logisch, dass der Film, bei dem wegen der vielen Konzertausschnitte vor allem Fans der Hosen auf ihre Kosten kommen dürften, am Ende den Bogen zurück in die Vergangenheit schlägt, in die (West)Berliner Punk-Institution (auch so ein Widerspruch in sich) SO36, nach Düsseldorf zu einem veritablen Heimspiel, zu dem die Musiker mal eben und politisch völlig korrekt mit dem Fahrrad anreisen - und nach Argentinien, wo die Hosen nahezu kultische Verehrung genießen. Ausgerechnet dort, in der womöglich größten geographischen Entfernung zu ihrer Heimat, kommen sie fast schon zurück zu ihren Wurzeln, als sie in einem kleinen Club ein Konzert geben und zuvor alle Absperrgitter entfernen lassen. In diesen Moment und mit der ungezügelten, gleichzeitig aber niemals in Destruktive tendierenden Begeisterung ihrer argentinischen Fans vergisst man für einen kleinen Augenblick beinahe die Metamorphose der gealterten Punks zu straff organisierten Stadionrockern, die seit vielen Jahren ein einträgliches Punk-Business betreiben.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/weil-du-nur-einmal-lebst-die-toten-hosen-auf-tour-2019