Morgen sind wir frei (2019)

Wellen brechen

Eine Filmkritik von Bianka-Isabell Scharmann

Morgen sind wir frei ist ein Film aus und in Wellen, die nicht nur Erzählung, sondern auch Ästhetik und Montage prägen. Die Narration des Langspielfilmdebut von Hossein Pourseifi, der auch das Drehbuch geschrieben hat, trägt die Zuschauer*innen von der DDR in den Iran und dort die Protagonist*innen mit den politischen Entwicklungen mit sich fort. Basierend auf wahren Ereignissen und immer wieder Archivaufnahmen einstreuend, erzählt der Film die Geschichte einer Familie vor dem Hintergrund der Iranischen Revolution: Beate (Katrin Röver) und Omid (Reza Brojerdi), ein gebürtiger Iraner, der im Exil lebt und aus diesem heraus für die Revolution schreibt, sind seit 12 Jahren ein Paar und leben glücklich verheiratet in der DDR. Sie haben eine acht-jährige Tochter, Sarah (Luzie Nadjafi). Nach dem Sturz des Schahs fordert Omid sanft das von Beate vor zwölf Jahren gegebene Versprechen ein: ihn in seine Heimat zu begleiten. Für sie gäbe es dort sogar die Möglichkeit, ihr Promotion in Chemie endlich zu beginnen, was ihr bisher verwehrt wurde – da ihr Wissen in Marx und Lenin mangelhaft sei. Beates Zögern wird durch Omids Zuversicht auf eine Zukunft in Freiheit im Iran aufgehoben. Dort angekommen, beginnen sie sich auch dank der Hilfe der Verwandtschaft, ein neues Leben aufzubauen: Sarah hat ihren ersten Schultag, Omid tritt seinen Posten als Chefredakteur für eine namenlose parteinahe Zeitung an und Beate trifft ihre neue Doktormutter. Diese warnt sie jedoch: im Iran könne man nicht gleichzeitig Mutter und Hausfrau sein und Karriere machen. Beate schlägt die Warnung in den Wind, denn der Iran werde bald ein freies Land sein. Prof. Fischer (Ursula Renneke) hofft, sie habe recht. Und scheint es doch besser zu wissen – wie auch die Zuschauer*innen.

Auch symbolisch bauen sich immer wieder Wellen auf. Zum Beispiel geistert das Porträt Ajatollah Chomeini’s wie ein böses Omen durch den Film: als Graffiti auf Hauswänden scheint er Beate förmlich zu verfolgen. Je weiter der Film fortschreitet, desto stärker ist die Präsenz Chomeini’s spürbar. Besonders manifestiert sich dieser Druck anhand den Frauenfiguren und -körpern, ihre zunehmende Verschleierung ist Barometer für die veränderte Stimmung, eine schleichende Veränderung, die sich – wieder – in Wellen durch den Film ergießt. Eine junge Mitarbeiterin Prof. Fischers, die anfangs noch lasziv Lippenstift aufträgt und wallendes Haar präsentiert, verhüllt sich sukzessive immer mehr. Ein langes, blaues Kopftuch ist Teil von Saras neuer Schuluniform. Beate muss ebenfalls ihren Kopf bedecken: streckt sie anfangs ihrem ungewohnten Spiegelbild noch die Zunge heraus – einer der wenigen, komischen Momente des Films –, so spürt sie selbst den zunehmenden Druck, der auf ihrem Körper lastet. Omids Nichte Nadja (Zahra Amir Ebrahimi) – einer der stärksten Charaktere des Films – , selbst aktiv in der Rebellion der Student*innen involviert, radikalisiert sich im Verlauf des Films mit dramatischen Folgen.

Es ist jedoch genau der Anspruch, Archivmaterial, Symbolik und bestimmte räumliche Konstellationen und Bewegungen zu kreieren, an dem die beiden Protagonist*innen – teilweise – scheitern: manche Kämpfe werden nicht ausgefochten, sie schweben förmlich zwischen den beiden und gerade Omids doch recht männliche Gesten, Diskussionen zu beenden, irritieren teilweise. Auch mag es daran liegen, dass die Chemie zwischen den beiden Schauspieler*innen nicht ganz passt und somit ihre Liebe die Zuschauer*innen nicht gänzlich mit sich fortreißen kann. Oftmals ist es die Tochter, die zum Schauplatz für die Konflikte zwischen den Eltern wird und auf die sich dann die zärtlichen Handlungen begrenzen.

Das leichte Strömen des Anfangs, die sanften Bewegungen und das Verweben von Archivaufnahmen mit der nacherzählten Geschichte verwandeln sich im Verlauf zunehmend in einen reißenden Strom, der auch die Familienangehörigen Omids mit sich fortreißt. Die Revolution hat viele Körper gefordert, Dissidenten, die anti-revolutionäre Gedanken hegen, müssen entfernt werden. Das Referendum im März 1979 für oder gegen die Islamische Republik hatte zwei Farben, bzw. gab zwei mögliche Antworten: Ja (grün) und Nein (rot). Morgen sind wir frei hat einen farbigen Titel: die ersten drei Worte weiß, „frei“ hingegen ist rot eingefärbt. Durch den Titel, der der Handlung vorangestellt wird, wird Freiheit von Beginn an negiert.

Sie bleibt Sehnsucht für viele, wie der Vogelflug des Anfangs. Und für andere bedeutet es, allein wo anders weiterleben zu müssen. Der Film besitzt indes eine besondere Aktualität vor dem Hintergrund der Menschenrechtsverletzungen des Mullah-Regimes, welches durch Chomeini installiert wurde. Die Welle der 1979er Revolution rollt bis heute, denn immer noch ist es verboten, um die Gefallenen von damals öffentlich zu trauern.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/morgen-sind-wir-frei-2019