Synonymes (2019)

Auf der Suche nach einer neuen Heimat

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Später haust Yoav in einer heruntergekommenen Wohnung, kocht sich jeden Tag exakt das gleiche Essen im Gegenwert von 1,28 Euro, versucht sich als Aktmodell und Sicherheitsmann an der israelischen Botschaft (ein Job, den er prompt wieder verliert, weil er kurzerhand die „Grenzen“ zwischen der Außenwelt und der diplomatischen Vertretung Israels für null und nichtig erklärt), unterhält den vor sich hin dilettierenden Émile mit angeblich wahren Geschichten des Lebens in Israel, beginnt eine Affäre mit Charlotte und rennt mit gesenktem Blick und einer manischen Vorliebe für französische Adjektive durch die Stadt, für deren Schönheit er keinen Blick hat.

Es ist nicht nur Yoavs immer wieder ziemlich erratisches Verhalten, sondern auch seine vehement und aggressiv vorgetragene Ablehnung des Staates Israel, die verdeutlicht, wie tiefsitzend und schwerwiegend die Traumata sein müssen, die der Hüne mit sich herumtragen muss. Wie viele andere junge Israelis, die nach dem Militärdienst nach Goa reisen und dort mit Techno und Drogen das Erlebte zu verarbeiten, noch lieber aber zu vergessen versuchen, ist auch Yoav auf der Flucht. Mit dem Unterschied aber, dass er nicht vorhat, jemals wieder in seine Heimat zurückzukehren. Doch die Gespenster seiner Identität lassen sich nicht so einfach verjagen: Da lädt ihn ein Sicherheitsmann an der Botschaft zu einem verabredeten Kampf zwischen Neo-Nazis und Juden ein, bei dem Heugabeln und deutsche Schäferhunde eine wichtige Rolle spielen. Ein anderes Mal summt ein Kippa tragender Israeli den Passagieren in der Metro derart aggressiv eine jüdische Melodie ins Ohr, um einen antisemitischen Ausbruch zu provozieren, dass zumindest der Zuschauer das Spiel schnell durchschaut. Und dann kommt eines Tages Yoavs Vater aus Israel angereist, der seinen Sohn wieder nach Hause holen will.

Nadav Lapid begleitet dieses Irrlichtern seines Protagonisten mit einer in einigen Momenten fast schon hysterisch entfesselten Kamera, die sich manchmal fast verliert im Rauschhaft-Exzessiven des Films, um dann später – ähnlich wie Yoav – wieder zu sich zu finden. Das Provokante des Verhaltens vieler Menschen, die einem als Zuschauer in Synonymes begegnen, infiziert die Form – oder ist es vielleicht umgekehrt? – und evoziert einen Film, bei dem man sich nicht sicher sein kann, ob man wirklich jede Facette dieser schillernden, wilden, dann wieder zärtlichen, aber in jedem Moment überraschenden Film mitbekommen hat.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/synonymes-2019