Midway - Für die Freiheit (2019)

And he keeps shooting

Eine Filmkritik von Falk Straub

In besagter Szene wird der von Geoffrey Blake gespielte Ford mit einer Dokumentarfilm-Crew Zeuge des Angriffs der Japaner auf die Midwayinseln. Anstatt sich wegzuducken, fordert er seinen Kameramann auf, weiter draufzuhalten. Im Original ist das freilich doppeldeutig, denn auch die angreifenden japanischen Flugzeuge und Kampfpilot Richard „Dick“ Best, um den Tooke seine Handlung gebaut hat, feuern aus allen Rohren. Für Emmerichs Kriegsfilm lässt sich das nicht sagen. Midway – Für die Freiheit wählt stets den Mittelweg und gerät dadurch nicht einmal mittelmäßig, sondern misslingt.

Beim Pazifikkrieg denken die meisten zuerst an Pearl Harbor, so sehr hat sich der Angriff der Japaner am 7. Dezember 1941 auf die US-Flotte ins kulturelle Gedächtnis eingebrannt. Nicht zuletzt das Kino hat mit Filmen wie Verdammt in alle Ewigkeit (1953), Tora! Tora! Tora! (1970) oder Pearl Harbor (2001) dazu beigetragen. Auch bei Emmerich spielt dieses Trauma US-amerikanischer Kriegsgeschichte eine Rolle. Davon ausgehend schreitet der Regisseur über die Ernennung von Chester W. Nimitz (Woody Harrelson) zum Oberbefehlshaber der Pazifikflotte und dem Überraschungsangriff der Amerikaner auf Tokio unter Führung von Lieutenant Colonel Jimmy Doolittle (Aaron Eckhart) akribisch, dadurch aber äußerst schematisch alle Stationen bis zur titelgebenden Seeschlacht ab.

Diese tobte vom 4. bis 7. Juni 1942 und brachte die entscheidende Wende zugunsten der Alliierten. Vom Kino wurde sie bislang eher stiefmütterlich behandelt und prominent besetzt, zuletzt in Jack Smights Schlacht um Midway (1976) nacherzählt. Von dessen im direkten Vergleich geradezu differenzierter Darstellung ist Emmerichs Versuch unzählige Seemeilen entfernt. Während Smight Sieg und Niederlage in großen Teilen auch dem Zufall, Glück und zwar logisch, aber falsch getroffenen Entscheidungen zuschrieb, scheitern die Japaner bei Emmerich an ihrer eigenen Hybris. Seinem Protagonisten verhilft die Hybris indes zum Erfolg.

Dabei waren Emmerichs Absichten hehr. „Wer heute einen Kriegsfilm dreht, bei dem am Ende nur die eine Seite jubelt, macht nicht den richtigen Film für unsere Zeit“, hat sich Emmerich in einem SPIEGEL-Artikel über Midway geäußert. Zu Beginn, wenn er den amerikanischen Nachrichtenoffizier Edwin Layton (Patrick Wilson) und seinen japanischen Gegenpart, Konteradmiral Tamon Yamaguchi (Tadanobu Asano), als gemäßigte, den Frieden sichernde Kräfte einführt, wird er diesem Anspruch noch gerecht. Doch je weiter die Handlung voranschreitet und immer mehr in flache Episoden zerfasert, desto stereotyper und eindimensionaler geraten die Charaktere.

Der Versuch, allen gerecht zu werden – den Amerikanern, den Japanern, den zivilen Opfern in China (was den Geldgebern geschuldet sein dürfte), den Befehlshabern und den Befehlsempfängern, den einfachen Matrosen und den Kampfpiloten –, wird am Ende keinem gerecht. Sein Film ist in erster Linie unentschlossen. Dick Bests arroganter Cowboy-Attitüde erteilt dessen Vorgesetzter Lieutenant Commander Wade McClusky (Luke Evans) zunächst eine Absage. Gerade diese lebensmüde, das Leben seiner Mitflieger leichtsinnig aufs Spiel setzende Einstellung trägt ihm letztlich aber den Erfolg ein.

Im schwindelerregenden Tempo steigt Best, vom Befehlshaber des Flugzeugträgers USS Enterprise William Halsey (Dennis Quaid) befördert, zum Kommandanten seiner Staffel auf. Das Publikum nimmt ihm weder seinen Wandel vom überheblichen Draufgänger zum verantwortungsvollen Vorgesetzten ab noch gelingt es Ed Skrein, seiner Figur auch nur ansatzweise Charme einzuhauchen. Ein Problem, das viele Ensemblemitglieder mit Skrein teilen. Tookes Drehbuch lässt ihnen schlicht zu wenig Raum. Mehr als die Handlung zu kommentieren oder durch ein paar Sätze voranzutreiben, ist nicht drin.

Noch schwerer als die dünne Figurenzeichnung und eine Story, die sich zu sehr auf die Gefechte und zu wenig auf die Taktik dahinter konzentriert, wiegt die Optik dieses Films. Die in Sepiatöne getauchten, häufig weichgezeichneten Einstellungen und die an mittelprächtige Computerspiele erinnernde Action lassen einen irritiert, ja teilnahmslos zurück. Mit den kühlen, immersiven, brutalen und durchaus diskussionswürdigen Aufnahmen eines Dunkirk (2017) oder Der Soldat James Ryan (1998) hat das nichts zu tun. Emmerichs Entscheidung, die Kriegsgräuel nur gedimmt zu zeigen, nimmt seinem Film aber auch die abschreckende Wucht.

Emmerichs Film feiert den Krieg nicht. Von Michael Bays patriotischem, reißerischem und schnulzigem Kriegskitsch Pearl Harbor ist Midway ein gutes Stück entfernt – nicht zuletzt, weil er sich eine Liebesgeschichte spart. Emmerich stellt den Krieg und dessen Akteure aber eben auch nicht (entschieden genug) infrage. Auch von Terrence Malicks Der schmale Grat (1998) könnte Midway kaum weiter entfernt sein. Ein seltsam bemühter und müder Kriegsfilm, der nicht polarisiert, wütend oder nachdenklich macht, sondern Stirnrunzeln bis Achselzucken hervorruft.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/midway-fuer-die-freiheit-2019