On the Milky Road (2016)

Zwischen den Fronten

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Dabei ist der Hintergrund der Geschichte eigentlich denkbar düster: Kostja (gespielt vom Regisseur selbst) ist ein Milchmann, der traumatisiert vom Tod seines Vaters jeden Tag aufs Neue die Frontlinien der beiden Bürgerkriegsparteien durchbricht, um seine Milch an den Mann zu bringen. Dann soll er unter die Haube, doch statt in seine zukünftige Ehefrau verguckt er sich ausgerechnet in jene Frau (Monica Bellucci), die den Bruder seiner Auserwählten heiraten soll. Hinter der ist außerdem noch ein britischer KFOR-General her, der der Schönen so sehr verfallen war, dass er für sie seine Frau umbrachte und dafür in den Knast kam. Das Blöde dabei: Nach drei Jahren ist der ranghohe Militär wieder raus aus dem Gefängnis und schickt nun nach dem Waffenstillstand eine Spezialeinheit los, um die Angebetete wieder zu ihm zu bringen – und zwar tot oder lebendig. Also flieht das Liebespaar vor den Häschern und kann dabei auf die tatkräftige Mithilfe einiger Tiere wie einer Schlange, einem Falken und einer Schafsherde zählen.

Und natürlich gibt es in dieser staunenswerten Fabel über die Liebe noch viel mehr zu sehen und zu entdecken: Beispielsweise eine irrlichternde Uhr, die Menschen beißt, die akrobatischen Einlagen einer Ex-Kunstturnerin, Menschen, die fliegen, rauschende Feste im Balkan-Beat sowie eine lupenreine Westernkulisse mit exzentrischen Bauten (wir erinnern uns, dass der Balkan ja schon einmal die Kulisse für eine filmische Erzählung aus den USA bot, über einen gewissen und überaus edlen Apachenhäuptling namens Winnetou). All dies verrührt Kusturica mit leichter Hand zu einem brodelnden Gebilde, das irgendwo zwischen magischem Realismus, Splatterelementen und greller Farce, Liebesgeschichte und Western/Eastern, Märchen und Kommentar zur Geschichte einzuordnen ist und das manchmal fast wirkt, als hätten Marc Chagall und Álex de la Iglesia einen Film zusammen gedreht und dabei verdammt viel Spaß gehabt.

In Venedig, so hörte man, habe es danach heftige Diskussionen über die politische Agenda Kusturicas gegeben, die angeblich aus dem Film herauszulesen sei und die an die einstige großserbische Haltung anknüpfe, die der Regisseur früher gerne mal kundtat. Mir scheint solch eine Interpretation reichlich überzogen. Vielmehr meldet sich Emir Kusturica nach langen Jahren der Abwesenheit mit einem herrlich bunten Film zurück, in dem er seine Fabulierkunst vergangener Zeiten einer gelungenen Frischzellenkur unterzieht. Und bei all den Spekulationen über die Motivation: Vielleicht wollte er auch nur im Sinne François Truffauts schöne Frauen schöne Dinge machen lassen.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/on-the-milky-road