Das innere Leuchten (2019)

Mit sich allein und doch nicht einsam

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Der Mann mit den eleganten, tänzelnden Bewegungen der Hände und Arme heißt Manfred Volz. Er ist der Hauptprotagonist in dem beobachtenden Dokumentarfilm, mit dem der Kameramann und Filmemacher Stefan Sick sein Regiedebüt gibt. Sick folgt Manfred auf seinen Wegen durch das Heim, ist dabei, wenn sein Sohn Andreas Volz kommt und am Klavier Auf de schwäbsche Eisebahne singt. Manfred beginnt die Arme dann im Takt der Musik zu bewegen. Was er sagt, bleibt jedoch meistens unverständlich. Denn er spricht inhaltlich unzusammenhängend, seine Gedanken scheinen schon nach ein paar Worten davonzueilen. An der Theke im Speisesaal unterhält er sich gern mit einer jungen Pflegerin. Die Kommunikation, die sie mit freundlicher Konversation in Gang bringt, klappt nicht und trotzdem findet erkennbar ein Austausch statt, der Manfred zufriedenstellt.

Manfred bewegt sich in einem inneren Theater der Harmonie, der Balance. Dieses Geschehen interessiert ihn viel mehr als das, was um ihn herum passiert, oder besser gesagt, er baut die äußeren Eindrücke in sein Erleben ein, das er nur für sich hat. Dabei scheint der alte Mann immer unternehmungslustig und neugierig zu sein, als würde er das Leben genießen. Nein, unglücklich, leidend wirkt er nie. Und auch andere Heimbewohner, die Sick beobachtet, widersprechen dem Klischee des trostlosen Dahinvegetierens.

Es stellt sich auch hier die Frage, die schon bei David Sievekings Film Vergiss mein nicht von 2012 über seine demente Mutter kontrovers diskutiert wurde. Darf man Menschen vor die Kamera holen, die sich dessen nicht mehr bewusst sind? Ob Manfred und die anderen Heimbewohner in Sicks Films vor ihrer Demenz damit einverstanden gewesen wären, einmal in diesem Zustand gezeigt zu werden, darf zumindest bezweifelt werden. Vielleicht sollte man also vorausschauend Verfügungen aufsetzen, wenn man nicht will, dass einem so etwas einmal selbst passiert. Konkret vor Augen geführt zu bekommen, was Demenz bedeutet, kann abschrecken und erschüttern, und diesen Aspekt gibt es auch in Sicks Film. Niemand will ein solches Schicksal erleiden. Und gerade aus dieser Abwehrhaltung heraus suchen die wenigsten Kontakt mit Betroffenen, so wie auch die Gesellschaft sie lieber dort unterbringt, wo sie nicht stören.

Das innere Leuchten ist ein Film, der genauer hinschaut, was es heißt, dement zu sein, und damit durchaus von allgemeinem Interesse. Sick fühlt sich beobachtend ein, versucht, die eingekapselte und doch so lebendige Erfahrungswelt dieser Menschen zu verstehen. Der Dokumentarfilmer hat sich dafür ein geradezu vorbildliches Heim ausgesucht, das von der Evangelischen Gesellschaft betrieben wird. Die Bewohner werden so respektiert, wie sie sind und genießen größtmögliche Freiheit. Das merkt man den Dialogen mit dem Personal an, das hilfreich auf Wünsche eingeht und sich vor allem bemüht, auf Augenhöhe zu kommunizieren. Mit Betreuern und Therapeuten wird getanzt und gesungen. Es geht etwas Tröstliches von den Eindrücken eines Heimalltags aus, der für seine Bewohner keine menschliche Zumutung darstellt. Davon sind viele Altenheime in Deutschland, in denen das überlastete Pflegepersonal von einem Zimmer zum nächsten hetzt, bekanntlich noch weit entfernt.

Eine Frau im Rollstuhl wirkt völlig apathisch, doch als ihre zu Besuch gekommene Tochter mit Manfred Ball spielt, macht sie plötzlich reaktionsschnell mit. Ein Bewohner kommt öfter mit einer Heimnachbarin ins Gespräch, das immer nach einem bestimmten Muster abzulaufen scheint. Sie tauschen ein paar Sätze aus, manchmal schaut sie in seinem Zimmer vorbei. Sie wirkt freundlich und zugewandt, hat aber nach kurzer Zeit genug. Er neigt dazu, jedes Gespräch bald auf seine gerade verlorene Geldbörse zu lenken. Mit diesem Duo zieht Komik in die filmische Betrachtung ein. Denn seine Dialoge können auch als Symbol für die generelle Unvollkommenheit jeglicher Kommunikation aufgefasst werden und erinnern an das absurde Theater von Eugène Ionesco.

Dass Sick immer wieder kontemplative Naturaufnahmen dazwischen schneidet und mit sanfter Musik unterlegt, passt nicht ohne weiteres zum Thema. Vielleicht sollen die raschelnden Bäume und der Wind in den Grashalmen das Gefühl über die Sinne ansprechen und so eine Interpretation der Eindrücke aus dem Heimalltag anbieten, ein Nachdenken über das Wunder des Lebens, seine Vielfalt und seine Vergänglichkeit. Vielleicht aber sollen sie auch nur für Abwechslung sorgen und den Film mit schönen Landschaften kinotauglicher wirken lassen. Auch mit diesen Bildern bietet der Film sehr ernste, ja harte Kost, die widersprüchliche Empfindungen auslöst. Er regt zu Diskussionen über das Schicksal Demenz und den richtigen Umgang mit Betroffenen an und sollte daher in Gesellschaft angeschaut werden.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/das-innere-leuchten-2019