The Untamed (2016)

Das Monster in uns

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Der Film ist in der mexikanischen Provinz Guanajuato in einer Kleinstadt angesiedelt - eine Gegend, aus der übrigens auch Escalante selbst stammt. Dort lebt Alejandra (Ruth Ramos) zusammen mit ihrem Mann Ángel (Jesús Meza) und den zwei Söhnen. Doc die Beziehung zwischen den beiden ist nicht glücklich, der Sex unbefriedigend, der Job in der Süßwarenfabrik der Schwiegermutter überaus öde. Was Alejandra freilich nicht ahnt: Ihr Mann hat eine Affäre mit ihrem Bruder Fabián (Eden Villavicencio). Doch natürlich müssen solche Neigungen in der streng katholischen mexikanischen Gesellschaft - zumal in der Provinz - äußerst diskret abgehandelt werden. Bis Fabian eines Tages einem brutalen Mord zum Opfer fällt. Dann taucht die geheimnisvolle Verónica (Simone Bucio) auf, die Fabian zuvor wegen einer klaffenden Wunde behandelt hatte. Und diese zeigt Alejandra einen Ausweg aus der eigenen Frustration. Denn in der Abgeschiedenheit der Wälder in der Gegend gibt es eine Hütte, in der - bewacht von einem Wissenschaftler und seiner Frau - ein bizarres, mit unzähligen Tentakeln bestücktes Wesen existiert, das auf einem Meteor zur Erde gereist ist und das es vermag, jedem Menschen unendliche Befriedigung zu schenken. Allerdings hat diese Erfüllung einen verdammt hohen Preis, denn jede Lust verlangt auch nach Opfern - und derer gibt es viele in dieser Geschichte ...

Die alles verschlingende Liebe und die sexuelle Erregung durch ein bizarres Wesen erinnern natürlich entfernt an Andrzej Zulawskis bizarres Meisterwerk Possession, auf den sich Escalante im Abspann explizit bezieht. Doch Escalantes Variation ist weit mehr als ein bloßer Abklatsch, sondern vielmehr eine überaus interessante Fortführung und wie das Vorbild eine cineastische Grenzerfahrung, die es in sich hat. Im Gewand eines SciFi-Horrorfilmes entwirft Escalante ein bezeichnendes Gesellschaftsbild, das von Katholizismus, Heuchelei, tiefster Misogynie und vehementer Triebunterdrückung geprägt ist.

Allerdings vermisst man im Mäandern zwischen traumverloren drastischer Phantastik und harschem Sozialrealismus ein wenig die Bestimmtheit und Konsequenz, die etwa Heli auszeichnete. Vieles lässt der Film im Ungefähren und manchmal fast Märchenhaften, das dem Nebel gleicht, durch den wir Verónica anfangs stolpern sehen. Und auf der anderen Seite gibt The Untamed sein Geheimnis - die Existenz des Wesens - viel zu früh preis und beraubt sich so jenes Überraschungsmoments, das etwa Possession auszeichnete. Dies ist vermutlich auch der Grund dafür, dass das Monster am Ende niemals wirklich bedrohlich ist, sondern vielmehr wie eine deutlich als solche erkennbare Metapher für die destruktiven Kräfte im menschlichen Zusammenleben und wie eine externalisierte Form verdrängter Triebe und Sehnsüchte wirkt.

Und so ist The Untamed vielleicht am ehesten als Zwischenstufe oder Experimentierfeld im Werk Amat Escalantes zu sehen. Er bleibt definitiv einer der spannendsten Regisseure Mexikos - und wie sein weiterer Weg sich entwickeln wird, ist genauso unberechenbar wie die Launen jenes Tentakelwesen in einer Hütte mitten im Wald.
 

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/the-untamed