Acid (2018)

Lost in Music

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Vanyas unerwarteter Suizid passiert mitten in einer bizarren Partynacht irgendwo im modernen Russland: Junge Leute haben hier zusammen Spaß. Das sieht in Acid (Originaltitel:  Kislota) folgendermaßen aus: Es wird geflirtet und getuschelt, getanzt und gedöst. Drogen sind natürlich reichlich im Umlauf und aus den Lautsprechern ertönt irgendwo Mobys gute Schlechte-Laune-Hymne „Why does my heart feel so bad?“. Das ist im ersten Moment der Inszenierung ebenso langweilig wie erwartbar und zitiert wie der gesamte Film übrigens nicht nur phasenweise Danny Boyles Trainspotting von 1996. 

Nicht nur das Interieur in diesem von vornherein auf Krawall angelegten Langfilmerstling von Gorchilin wirkt ziemlich abgefuckt und en gros wild zusammengeschustert, auch die glasigen Blicke der party people versprühen eine wenig hoffnungsreiche Zukunftsperspektive für diese scheinbar ins Abseits driftende Generation der Twentysomethings. Acid ist alles andere als ein Feel-Good-Movie made in Russia. Phasenweise inszeniert wie ein Drogentrip und besetzt mit immer eine Spur zu sehr in Leere blickenden Jungschauspielern aus dem Theaterumfeld des „Gogol Centers“ in Moskau, wo auch Alexander Gorchilin studiert hatte, sucht dieses Leinwanddebüt nichts weniger als einen echten Berlinale-Skandal. 

Dafür müsste Acid als Film allerdings erst einmal selbst Fahrt aufnehmen, den Zuschauer im einen Moment verblüffen und im nächsten schon wieder vor den Kopf stoßen, was in diesen insgesamt 98 Minuten wirklich selten der Fall ist. Es gelingt dem 1992 in Moskau geborenen Regiedebütanten, der als Darsteller schon für Kirill Serebrennikovs Leto vor der Kamera stand, schlichtweg viel zu selten, einen echten Spannungsbogen aufzubauen: Alles verliert sich in viel Gepose, gedankenverlorenen Blicken oder kleineren Schockszenen. Nomen est omen. So spielt unter anderem die titelgebende Säure, die natürlich auch den Technobezug zu den Club- und Partyszenen herstellt, eine immer bedeutendere Rolle: Sei es in einer Gruppensexszene im Atelier des Künstlers Vasilisk oder draußen auf der Straße. 

Egal in welcher Episode man sich gerade befindet, überall herrscht ein gewisses Unbehagen unter diesen schwer greifbaren jungen Leuten, die Angehörige einer russischen Lost Generation zu sein scheinen. Offensichtlich finden Sasha (Filipp Avdeev), Pete, Karina (Arina Shevtsova) und all die anderen nirgendwo Liebe und Halt. Stattdessen kämpfen sie mit innerer Leere und äußerer Ziellosigkeit. Was sie eint, ist allein ihre Vaterlosigkeit, ihr Unwohlsein gegenüber klassischen Institutionen wie Staat und Kirche sowie das ausgeprägte Driften. Lediglich in kurzen Exzessen oder in der Lust an der gemeinsamen Grenzüberschreitung – Stichwort Säure und Sex, aber auch überschwemmte Wohnungen, gefährliche Hochhausdächer oder spontane Ravenachmittage im ehemaligen Kinderzimmer – finden sie partiell zu sich.  

Acid ist zwar eine russische Produktion, wenngleich die anfangs durchaus wild inszenierten Party- oder Kunstatelierszenen (Kamera: Kseniya Sereda) automatisch ebenso an das nächtliche Treiben in der deutschen Hauptstadt erinnern. Überhaupt könnte man sich den Regiedebütanten Alexander Gorchilin genauso gut als Berliner Partytouristen vorstellen, der dann als künstlerisch-kreativer Mann „plötzlich in Berlin hängen geblieben ist“, wie das heutzutage oft zu hören ist, wenn man selbst durch die Straßen Berlins mäandert. Mit Acid ist ihm ein durchwegs zu laut polternder Drifter-Film gelungen: Lose angesiedelt zwischen Trainspotting-Referenzen, schon oft gehörten Twentysomething-Problemen und verquirlt mit etwas aktuellem Genderdisput. Allerdings passt diese Rezeptur nur bedingt zusammen. Wer hier ins Kino geht und danach Kopfschmerzen verspürt, sollte sich nicht wundern.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/acid-2018