Kirschblüten & Dämonen (2019)

Schatten der Einsamkeit

Eine Filmkritik von Elisa Jochum

So funktioniert der zutiefst berührende Film sowohl als Fortsetzung als auch als eigenständiges Werk. Zuschauer(innen), die Kirschblüten – Hanami kennen, wissen nicht nur um die Einzelheiten der Vorgeschichte, sondern entdecken auch die mit Liebe zum Detail eingebetteten Querverbindungen. Der tägliche Apfel etwa, der gesund halten soll. Oder das Motiv des Pandakostüms, das wie die Schminke eines traurigen Clowns verstecken kann, wie es dem Menschen unter der Maske zumute ist. Wieder sind selbst die süßen Momente bitter. Wieder überzeugt das fantastische Schauspielerensemble. Fans von Kirschblüten – Hanami wird nicht entgehen, dass Gogo Euler in der Fortsetzung Maximilian Brückner als Karl ersetzt. Diesen Bruch macht Eulers authentisches und erschütterndes Spiel binnen weniger Momente wett.

Der erzählerische Perspektivwechsel von Trudi und Rudi im ersten zu Karl im zweiten Film erinnert auf schmerzhafte Weise daran, wie komplex menschliche Beziehungen und Kommunikation sind. Erschien Karl in Kirschblüten – Hanami noch unfähig, selbst um Trudi zu trauern oder einfühlsam mit der Trauer Rudis umzugehen, so verfolgen ihn Jahre später Gefühle von Verlust und Versäumnis. Gleichzeitig werden tiefliegende Herabwürdigungen durch den Vater offengelegt. Dörrie verstrickt die Familie in einem komplexen Netz, in dem sich gegenseitige Schuldzuweisungen, Schuldgefühle und Trauer nicht trennen lassen.

Betrachtet man Kirschblüten & Dämonen als Einzelstück, ergibt sich ein fragmentarisches Bild einer Depression, die selbst von den Qualen bruchstückhafter Erinnerungen und unbeantworteter Fragen gekennzeichnet ist. Der Zustand, nicht ganz verstehen zu können und von seinem Umfeld nicht verstanden zu werden, ist elementar für Karls schier unüberwindbare Pein und Einsamkeit. Seine entfremdete Schwester (Birgit Minichmayr) attestiert kühl, dass er schon von klein auf „sowas Unklares“ besessen habe.

Anders als Kirschblüten – Hanami, in den Trudis Voice-Over das Publikum einführte, beginnt der neue Film ohne erzählerische Orientierungshilfe. Passend zu dem fragmentarischen Eindruck ist Kirschblüten & Dämonen wortkarg. Die überraschend auftauchende Yu (traurig und tröstlich zugleich gespielt von der atemberaubenden Aya Irizuki) lässt viele von Karls Fragen offen. Manche ihrer Worte werden für das Publikum gar nicht aus dem Japanischen übersetzt. Die knappen Dialoge produzieren eine Reihe von Einzeilern, die alles andere als plakativ oder platt daherkommen. Als Karl nach Japan aufbricht und Yus Großmutter (die mittlerweile verstorbene Kirin Kiki) aufsucht, trifft sie mit der kleinen großen Frage „Lonely?“ bis ins Mark des Films.

Dämonen vereinnahmen die Aufmerksamkeit des isolierten Karl. Er ringt (figurativ und buchstäblich) mit dem zu Anfang beschriebenen schemenhaften Ungeheuer. Die visuelle Schlichtheit macht das Monster besonders wirkungsvoll. Aber der vage Schatten ist nicht der einzige Dämon im Film. Karl fühlt sich auch von den Verstorbenen getrieben. Er und Yu beziehen sein leerstehendes Elternhaus, wo er quälende Gespräche mit Rudi und Trudi führt. Die Eltern evozieren in Teilen die japanische Ideenwelt zu Verstorbenen, die als Geister fort existieren (Yūrei).

Karls Dämonen kommen zumeist nachts in verzerrten Bildern. Tatsächliche Erinnerungsstücke präsentiert Dörrie in entsättigten oder überbelichteten Einstellungen und vermittelt somit die vielschichtigen Wahrnehmungsebenen, die Karl belagern. Der Film lebt von seiner nuancierten Intensität, von den tiefgründigen Stimmungen der Angst, Einsamkeit und Sehnsucht. Kirschblüten & Dämonen zeichnet ein schmerzliches Bild mit universeller Bedeutung, das sich jede(r) Kinogänger(in) anschauen sollte.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/kirschblueten-daemonen-2019