Jessica Forever (2018)

Jessica - Göttin der Liebe

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Man kommt an der christlich-metaphorischen Aura von Jessica Forever nicht vorbei. Die Frau als Heilende und ihre elf Jünger, in denen Rage und Verzweiflung die Seelen auffressen, wäre da nicht ihre heilende Aura und ihre Empathie. Sie spürt, was die Jungs fühlen, und greift ein. Sie gibt nicht nur Halt, sie ist die ganze Welt, denn die eigentliche Welt, das Äußere ist nur eine dystopische, leicht verschrobene Landschaft aus Reihenhäusern im französischen Niemandsland, in dem es keine Menschen, vor allem keine Erwachsenen zu geben scheint. Dafür gibt es aber Drohnen, die im Schwarm erscheinen und die Jungs im Namen einer unbekannten Regierung jagen.

Es ist der erste Langfilm des französischen Duos Caroline Poggi und Jonathan Vinel, das mit seinen drei gemeinsamen Kurzfilmen für viel Aufruhr gesorgt hat. Die beiden sind, das lässt sich definitiv sagen, eine neue Generation von AutorenfilmemacherInnen, die tief verankert sind in der Videospiel- und Popkultur, aber auch klar auf das verzweifelte Endzeitgefühl der jungen Generation reagieren, die zu Recht das Gefühl hat, keine Chance auf ein gutes Leben zu bekommen, sei es weil die Demokratien und ihre Versprechen schon jetzt fast gänzlich ausgehöhlt sind oder weil die Klimakatastrophe sie am Härtesten treffen wird. Egal wie, die in Jessica Forever anklingende Dystopie ist keine Zukunft, sondern die Gegenwart, gespiegelt durch Ästhetik und Formsprache von Computerspielen. Allein Jessica ist eine Melange aus popkulturellen und virtuellen Heldinnen: Arwen aus Herr der Ringe, Quiet aus Metal Gear Solid V, Pocahontas, Buffy, Casca aus Berserker und Ciri aus The Witcher 3.

Die Jungs, ihre Jungs wiederum sind Stellvertreter verzweifelter Versuche, normative Maskulinität zu bewahren und Reaktion auf eine zunehmend aggressive Umwelt. Wieso nicht gleich zum tötenden Monster werden, wenn man eh keine Chance hat zu überleben? Die Lost Boys sind das radikale Ergebnis amerikanischer Waffenkultur, die ihre eigenen Kinder opfert. Jetzt wehren sich die Opfer. Sie sind das Ergebnis von Vernachlässigung, von Leistungsdruck, vom schon im Kindesalter funktionieren und konsumieren müssen. Sie sind die radikale Antwort auf den Druck von außen, indem sie vom Menschen als Funktion und Marktwert zum Tier mutieren, das wild um sich beißt.

Doch Jessica Forever sucht auch nach Antworten und findet sie in der Idee der Nächstenliebe und einer selbst gewählten Familie, einer Community, die zusammengehalten wird von einer mythischen Figur und vor allem von Ritualen. Jessicas Familie lebt davon. Es wird gemeinsam geschlafen und traininert. Man isst zusammen und neue Mitglieder werden aufgenommen, indem man ihnen jeweils ein Geschenk bringt, wie die drei Weisen dem Jesuskind.

Caroline Poggi und Jonathan Vinel zielen hoch hinaus und vermögen dem Lebensgefühl der jungen Generation eine spannende Genrehülle zu verleihen. Allerdings nimmt sich der Film hier und da dann doch zu ernst und vergisst die eigene Mythologie und ihre Herkunft zu hinterfragen. Zu groß ist vielleicht der Wunsch nach Erlösung, die, so viel ist vom Anfang des Filmes an klar, nicht so wirklich kommen wird. Doch der dem Film immanente Mystizismus steht auch so auf wackeligen Füßen. Zu wenig wird gezeigt oder erklärt, was alsbald zu Verwirrung führt und die sonst gediegenen, manchmal etwas zu pathetischen Dialoge albern wirken lässt, weil sie in ihrer Schwere nicht von der Geschichte selbst aufgefangen werden. Nichts gegen den Minimalismus dieses Genreexperiments, doch daran scheitert am Ende dieser Film. Er fällt über seine eigenen Füße. Doch es gibt auch gutes, großartiges, kreatives Scheitern und Jessica Forever ist genau solch ein Kandidat. Auch wenn nicht alles rund läuft, so zeigt er doch auf zwei spannende GeschichtenerzählerInnen, die den Finger auf der Wunde der Zeit haben und deren nächsten Film man unbedingt sehen will.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/jessica-forever-2018