Invisible Sue - Plötzlich unsichtbar (2019)

Selbstgemacht ist die Frau

Eine Filmkritik von Rochus Wolff

Überhaupt, die Mutter: Maria Hartmann (Victoria Mayer) ist weltbekannte Naturwissenschaftlerin, aber vielleicht etwas zu fixiert auf ihre Arbeit – und als Sue mit ihrem Vater in Marias Labor auftaucht, um ihr einen Geburtstagskuchen und ein Geschenk vorbeizubringen, ist die Mutter alles andere als amüsiert – da platzt Sue der Kragen, sie schmeißt mit der Torte um sich, und, nunja: Das ist in einem Hightech-Labor halt keine gute Idee.

Am Ende steht eine Explosion, und Sue kommt in Kontakt mit einer experimentellen Substanz: NT26D macht aus ihrer ironisch gemeinten ihre echte Superkraft: Sue kann sich unsichtbar machen. So richtig toll ist das erstmal nicht, aber als dann Sues Mutter entführt wird, kommt ihr die neue Fähigkeit vielleicht doch ganz gut zupass…

Invisible Sue – Plötzlich unsichtbar schnappt sich das Konzept der Superheld_in-Origin-Story und kippt sie in ein europäisches Schulsetting: Ein diesmal weiblicher Nerd, der anschließend mit zwei Sidekicks (Lui Eckardt als sympathischer und gut aussehender, aber schüchterne Junge für alles Tobi und Anna Shirin Habedank als Computernerd Kaya, die alle nur „App“ nennen) eine Herausforderung bestehen muss – und sich mitten in einem, nunja, Wissenschaftsthriller wiederfindet.

Leichte Vorbehalte zur Genrezuordnung müssen sein, denn Regisseur und Drehbuchautor Markus Dietrich, der zuletzt vor einigen Jahren mit dem schönen Sputnik aufgefallen war, traut sich nicht so ganz, den Kinderfilm als Superheldenfilm oder Thriller zu besetzen, sondern übersetzt vielleicht zu viel in kindertaugliche Größen. So werden zwar einige falsche Fährten gelegt, die die Zuschauer_innen verwirren sollen, andererseits werden aber andere Hinweise so offensichtlich (und an einer Stelle wörtlich) ins Bild geschoben, dass wirklich nur sehr junge und sehr unerfahrene Kinogänger_innen sie übersehen könnten.

Der Film hätte sich, anders gesagt, ein wenig mehr Handlung, etwas mehr Charakterentwicklung gönnen können; nun steht narrative Kohärenz nicht immer weit im Vordergrund, stattdessen sollen Topoi des Superheldenfilms vor allem visuell für Eindruck sorgen. Das funktioniert so lange gut, wie Dietrich die Glaubwürdigkeit des Geschehens nicht völlig überdehnt; wenn dann ein kleines Mofa zum Flug mit Looping ansetzt, nunja, dann klappt das nicht mehr so gut. Der Film soll da mehr sein wie die Comics, die Sue so liebt, zugleich traut sich Dietrich aber nicht, die mögliche Nähe zum Comic konsequenter einzusetzen und als ästhetische Entscheidung für den ganzen Film zu wählen (wie das zum Beispiel Antboy – Der Biss der Ameise versucht hat).

Das ist vor allem schade, weil Invisible Sue – Plötzlich unsichtbar nicht nur gekonnt und mit Tempo seine Origin-Story erzählt, sondern auch eine Fundgrube für Genrefans ist: Überall finden sich kleine und große Verweise auf Superheld_innen-Comics und Filme. Sues Name, der auf Sue Storm von den Fantastischen Vier verweist, und der virtuelle Assistent Alfred, gesprochen in meist wunderbar indigniertem Tonfall von Michael Caines deutscher Synchronstimme Jürgen Thormann, sind da nur die offensichtlichsten.

Invisible Sue macht am meisten Spaß, wenn die drei Hauptfiguren nur unter- und miteinander agieren, wenn die Eltern und diese komische Welt da draußen mit ihrer Geldgier und Geltungssucht ebenso außen vor bleiben wie die etwas zu pompösen Drehorte: Dann bricht immer wieder die pure Freude am Möglichen heraus, der Spaß daran, den Supertraum in Bilder umzusetzen, in wenigstens ephemere Realität. Dann bekommt diese angenehm unheroische Superheldin eine strahlende Aura, und ihr Wunsch geht in Erfüllung: Unsichtbar sein für die Welt, außer für ihre besten Freund_innen.

In der Tat: die perfekte Superkraft für ein Kind am Eintritt in die Pubertät.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/invisible-sue-ploetzlich-unsichtbar-2019