Der schwarze Diamant (2019)

Auf den Abgrund zu

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

Die Welo-Mine in Äthiopien im Jahr 2010 ist in den ersten Bildern von „Der schwarze Diamant“ zu sehen. Ein Verletzter wird unter Protestrufen der Arbeiter aus der unterirdischen Mine herausgetragen. Doch zwei Männer setzen sich ab, sie eilen zurück in den Schacht. Vorsichtig schlagen sie etwas aus dem Stein. Es ist ein schwarzer Opal, im deutschen Filmtitel ist er zum Diamanten geworden. Wertvoll und faszinierend. Die Kamera (geführt von Darius Khondji) zoomt auf diesen Opal, sie versinkt zum elektronischen Soundtrack von Daniel Lopatin regelrecht in ihm und führt die Zuschauer in bunte Sphären hin zu einem menschlichen Darm und wieder heraus – am anderen Ende der Welt in New York City 2012. Hier lässt Howard Ratner (Adam Sandler) eine Darmspiegelung machen. Und tatsächlich – dieses Wortspiel muss sein – ist er am Arsch: Der Juwelenhändler hat durch seine Wettsucht einen Haufen Schulden gemacht, die nun eingetrieben werden.

Aber Howard hat keine Zeit, sich Gedanken um irgendetwas zu machen. Vom Arzt geht es zu seinem Showroom in der 47. Straße, dort warten schon die Kunden, die sein umtriebiger Kumpel Demany (Lakeith Stanfield) angeschleppt hat. Howard braucht das Geld, aber er hat schon einen weiteren Fisch am Haken. Wortwörtlich: eine Lieferung bringt Fische und in einem der Fische verbirgt sich der Opal, der zu Beginn des Films in Äthiopien gefunden wurde. Von ihm verspricht sich Howard Millionen. Im Showroom wartet zufällig Kevin Garnett (er spielt sich selbst), strauchelnder Star der Boston Celtics, der von dem Opal so fasziniert ist, dass er ihn sofort haben will. Howard verkauft ihn nicht, leiht ihn aber aus. Als Sicherheit hinterlässt Garnett ihm einen Championship-Ring, den Howard wiederum sofort versetzt. Zu verführerisch ist die Möglichkeit, mit einer schier unglaublichen Kombi-Wette sehr viel Geld zu machen. Ein gewagtes Spiel – zudem da noch die Geldeintreiber, die Howard auf den Fersen sind und der gestresste Wettsüchtige noch Geliebte und Familie balancieren muss.

Der schwarze Diamant ist ein atemloser Film, in dem sehr viel geredet wird, die Handlung gnadenlos voranpeitscht und immer wieder Volten schlägt. Es ist dem Regie-Brüderteam Benny und Josh Safdie, das zusammen mit Ronald Bronstein auch das Drehbuch geschrieben hat, zugute zu halten, dass der Druck auf Howard niemals nachlässt und es tatsächlich immer wieder für kurze Momenten so aussieht, als würde alles gut ausgehen. Aber es gibt nun einmal Menschen, für die geht das Leben fast niemals gut aus. Und Howard ist so ein Mensch. Mitleid hat man kaum für ihn, schließlich reitet er sich selbst in jeden möglichen Schlamassel.

Der ganze Film ist darauf angelegt, immer wieder vor Augen zu führen, dass ein Typ wie Howard niemals glücklich sein wird – er ist zu selbstzerstörerisch, zu egoistisch. Die Kamera treibt daher unaufhörlich auf den Abgrund zu, getrieben von dem Plot und dem bisweilen wundervoll pathetischen Synthie-Score. Das hat viel Tempo, viel Nervosität, viel (toxische) Männlichkeit.

Adam Sandler wird derzeit vor allem dafür gefeiert, dass er hier so völlig gegen sein Image anspielt. Tatsächlich liegt seine Leistung darin, dass er einem weinerlich-schmierigen Unsympathen ein wenig Würde verleiht. Doch nicht nur Sandlers schauspielerische Leistung ist bemerkenswert, auch die Nebenfiguren – insbesondere Lakeith Stanfield und Julia Fox – schaffen es, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Ohne sie wären ihre Figuren noch größere Klischees.

Deshalb sind es vor allem Einzelteile, die bemerkenswert sind: allen voran die Kamera und das Ende dieses anstrengenden Films, unter dessen atemlos-nervöser Oberfläche leider sehr wenig steckt.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/der-schwarze-diamant-2019