Der Leuchtturm (2019)

Am Ende der normalen Welt

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Das liegt vor allem an dem scharfen Schwarz-Weiß und an der Kadrierung, in der Eggers The Lighthouse präsentiert. Ein bisschen kleiner noch als 4:3, in einem Bildformat, das vor allem in den USA in den späten 1920er Jahren benutzt wurde, führt er seinen Film auf, der dadurch sofort und viszeral die Enge der kleinen Insel transportiert, auf der die Figuren vier Wochen ausharren sollen, um das Licht des Leuchtturms am Laufen zu halten. Und was für zwei Typen das sind: Der knarzig-alte Thomas Wake (Willem Dafoe), ein alter Seebär mit viel zu viel Seemansgarn im Gepäck ist der Chef, sein neuer Partner Ephraim Winslow (Robert Pattinson) wird schnell feststellen, dass er nur die zweite Geige spielt. „Das Feuer gehört mir“ wird Wake ihn gleich von Anfang an belehren. Die Drecksarbeit wird damit bei Winslow bleiben, der nur wenig entgegenhalten kann, hängt sein Lohn doch vom Wohlwollen des Chefs ab. Und so hört er sich nun vier Wochen lang Abend für Abend das Gelaber von damals an. Damals, auf dem Schiff, auf dem Wake der Kapitän war. Damals, in den guten Tagen, wo er in jedem Hafen eine andere hatte, seinen Männern die Zähne vom Skorbut ausfielen und nachts die Sirenen nach ihm riefen. 

Auch auf der Insel sind Sirenen zu hören. Da ist das Nebelhorn, das alle paar Minuten brummt und die Gischt, die so laut braust, dass der Film kaum Soundtrack braucht, so ohrenbetäubend ist der Lärm. Und er wird lauter ab dem Tag, an dem Winslow tut, was man laut Mythologie nie tun sollte: er tötet eine nervige, einäugige Möwe, die ihn schon die ganze Zeit verfolgt. Ein Fehler, denn man soll die Götter nicht erzürnen, sind die Möwen, die die Kadaver toter Seemänner zerpflücken doch die Seelenboten. Doch nun ist es zu spät. Der Sturm er tobt und tobt und tobt, so stark, dass aus vier Wochen fünf werden. Oder zehn? Eine Rettung ist nicht in Sicht, das Essen wird knapp, doch Wake ist kein Idiot, er hat noch Vorrat gebunkert. Als dieser sich allerdings nur als Rum, nicht als Nahrung herausstellt, tun die Männer, was Männer halt so tun: sie besaufen sich hemmungslos. Und mit dem Suff kommt alles hoch: die Wahrheiten, die Lebensgeschichten, die Ängste und die Hässlichkeiten. Und um sie herum geschehen merkwürdige Dinge, zieht Poseidon seinen Strick langsam zu, um Rache zu nehmen am Tod seines Götterboten. Oder ist es doch nur der Alkohol, der ihnen ein Schnippchen schlägt?

The Lighthouse ist laut und krachend, ist eng und erstickend und so tief schwarz in seinem Dunklen und so gleißend weiß in seinem Hellen, dass da kein Platz ist für Zwischentöne jeglicher Art. Willem Dafoe blickt im Fieberwahn in die Welt, ganz so wie einst Conrad Veidts Somnambule es in Das Cabinet des Dr. Caligari tat. Man sieht in jedem Bild, in jedem Anschnitt, jedem Kamerawinkel wie sehr Eggers bis ins allerkleinste Detail seinen Film hier am expressionistischen Kino der Weimarer Republik ausgerichtet hat. Und es funktioniert perfekt. Dafoe und Pattinson spielen, saufen und brüllen sich die Seelen aus dem Leib. Die Mythen der See vermischen sich mit der Realität, nicht nur in der Erzählung, sondern auch in Bild und Ton. Immer wieder schafft Eggers zwischen dem Geschehen hier und da einen ruhigen Moment, ein Bild, das fast eingefroren eine Ikonographie entwirft, die den griechischen Göttern und Titanen huldigt, sie aber vereint im sich langsam steigernden Grauen der ewig schaumrauschenden Umgebung. Allein dafür, dass er das alte Kino, die alten Sagen und Ideen so atmosphärisch und gleichsam kontemporär in ihrem Kern wieder auferstehen lässt, sollte man The Lighthouse sehen. 


Doch auch im Sinne des Genrekinos bringt Eggers hier zusammen, was zusammen gehört. Die neue Welle an Horrorfilmen, die sich leicht surrealistisch vor allem um eine ständige Atmosphäre der Angst bemühen, vereint er hier mit den Klassikern des Stummfilms zu einem Konglomerat, das in Stil und Ton eine perfekte Vereinigung dessen vermag, das man - ganz altbacken eigentlich - nur als „Schaudern“ bezeichnen kann. 

Was nun echt und was der Rum den Leuchtturmwärtern ins Gehirn und vor die Augen setzt, ist letztendlich egal. Der Weg das brausenden Wahnsinns leitet sie dorthin, wo sie hingehören, den Mythen ganz entsprechend. Und als Zuschauer geht man hier gern mit, auch wenn man weiß, dass es vielleicht ins Verderben führt. 

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/der-leuchtturm-2019