Electric Girl (2018)

Im Netz des Bösen

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Als sie dann noch eine Affäre mit dem Produzenten Jacob (Björn von der Wellen) beginnt, scheint ihr Glück endlich perfekt. Wobei sie allerdings völlig ignoriert, dass es neben ihrem eigenen Leben auch noch etwas anderes gibt, das sie komplett vernachlässigt: Ihr Vater liegt im Sterben und ihre Familie würde eigentlich dringend ihrer Hilfe benötigen. Doch für all das hat Mia gerade keinen Kopf. Stattdessen verliert sie sich mehr und mehr in der Traumwelt des Anime und identifiziert sich zusehends mit Kimiko, bis sie schließlich davon überzeugt ist, dass auch sie - ähnlich wie die Superheldin - dazu auserkoren ist, die Welt zu retten. Und weil sich zunehmend alle Menschen von ihr abwenden und ihren kruden Gedankensprüngen nicht mehr folgen wollen und können, rekrutiert sie ausgerechnet ihren kaputten Nachbarn Kristof (Hans-Jochen Wagner) als Gehilfen auf ihrer Mission gegen die Mächte des Bösen.

Acht Jahre ist es her, dass die Regisseurin und Comiczeichnerin Ziska Riemann mit Lollipop Monster debütierte. Ihr neuer Film Electric Girl indes kann nicht im gleichen Maße überzeugen, wie ihr dies mit ihrem Erstling gelang. Und das hat vielerlei Gründe. Wobei die mangelnde Originalität der Geschichte noch deren geringstes Problem darstellt. 

Ganz neu ist die Idee nicht, auf der Electric Girl beruht. Bereits im Jahre 2004 erzählte M.X. Oberg in seinem sogar ähnlich klingenden Stratosphere Girl von einer jugendlichen Heldin, deren Leben in ähnlichem Maße von einem Anime beeinflusst wird. Im Gegensatz zu Ziska Riemanns Film, der durchaus jugendkompatibel ist und vor allem auf eine jüngere Zielgruppe abzielt, war Stratosphere Girl aber ungleich abgründiger und konkreter im Heraufbeschwören von Gefahren und bizarren Bedrohungen.

Dass Electric Girl nicht jenen Sog erzeugt, den die Ausgangsprämisse zunächst vermuten lässt, liegt vor allem an der ungenügenden Zeichnung der Protagonistin Mia. Dass sie studiert, wird lediglich behauptet, aber niemals gezeigt und ihre Charakterisierung als Poetry Slammerin, die konstituierend für ihre überbordende Fantasie sein könnte, wird in einer kleinen Szene abgehandelt und sonst völlig außer acht gelassen. 

All dies fiele womöglich nicht so sehr ins Gewicht, wenn das Verhalten Mias vor allem in der zweiten Hälfte des Films nicht völlig aus dem Ruder laufen würde: Zunehmend fühlt man sich als Zuschauer*in genervt vom exaltierten und unberechenbar euphorisierten Verhalten der jungen Frau, die man am liebsten packen und schütteln möchte, um sie aus ihrer Traumwelt herauszuholen. Victoria Schulz mag man das nicht unbedingt zum Vorwurf machen, es sind vor allem Schwächen des Drehbuchs und der Schauspielführung, die eine Identifikation mit der Protagonistin verhindern. Dass Mia in Wirklichkeit schwerkrank ist, geht innerhalb der Story völlig verloren, es scheint fast so, als sei ihr psychisches Aus-der-Welt-gleiten vor allem von dramaturgischem, aber niemals von psychologischem Interesse und erst recht kein Anlass für Empathie mit der vermeintlichen Heldin. Und das mutet dann doch unterm Strich seltsam uninteressiert an. 

Gelungen sind indes vor allem die Wechsel und Überlappungen von Mias realer Welt und den Anime-Szenen, für die das belgische Studio Lunanime verantwortlich zeichnet, sowie der atmosphärische Score von Ingo Ludwig Frenzel, der ruhigere Töne ebenso beherrscht wie treibende Beats und Clubsounds.

Erst am Ende, wenn der Film nach einem eigentlich furios gemeinten Finale endlich ein wenig zur Ruhe kommt, gibt es für das Publikum eine kurze Ahnung davon, was eigentlich möglich gewesen wäre. Da allerdings ist es dann buchstäblich für alle Beteiligten zu spät.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/electric-girl-2018