The Lodge (2019)

Die Eisbrecher

Eine Filmkritik von Lucia Wiedergrün

Die titelgebende Lodge ist ein eindrucksvoller Holzbau, der nicht wenige Gemeinsamkeiten mit einem Sarg hat. Gelegen an einem zugefrorenen See, mitten in den eisigen Weiten einer nordamerikanischen Winterlandschaft, die unberührt von Spuren menschlichen Lebens scheint. Für die Geschwister Mia (Lia McHugh) und Aiden (Jaeden Martell) ist dieser wenig einladende Ort aufgeladen mit liebevollen Erinnerungen an ihre Mutter (Alicia Silverstone), weswegen die beiden auch wenig begeistert sind, als ihr Vater Richard (Richard Armitage) darauf besteht, zum diesjährigen Weihnachtsfest an diesem geschichtsträchtigen Ort auch seine neue Verlobte Grace (Riley Keough) mitzunehmen. Als die Arbeit Richard dann auch noch für einige Tage zurück in die Stadt ruft und Grace mit den Kindern allein im eingeschneiten Haus am Ende der Welt zurückbleibt, scheint die Katastrophe vorprogrammiert. Zumal Mia und Aiden nicht die einzigen sind, die von den Traumata der Vergangenheit eingeholt werden.

Was hier wie der filmische Prolog klingt, die einleitenden fünfzehn Minuten, erstreckt sich tatsächlich über das erste Drittel der ca. 100 Minuten Spielzeit. The Lodge nimmt sich seine Zeit und dehnt diese dann wie Kaugummi, nur um anschließend ganz unvermittelt Schnitte zu setzen – wie eine Schlange, die plötzlich zuschnappt. Die Sparsamkeit, mit der diese jumpcuts eingesetzt werden, macht sie umso effektiver und sorgt durchaus für einige gute Schockmomente. Im Kontrast zu diesen kurzen Augenblicken werden immer wieder die langen, dunklen Flure des Hauses und dessen Treppenaufgänge einem quälend langsamen Herauszoomen unterzogen, was sich anfühlt, als würde der Film die Luft anhalten und damit testen, wie lange das Publikum ebenfalls das Atmen einstellt. Dabei geht The Lodge ein waghalsiges Spiel mit der Aufmerksamkeitspanne seiner Zuschauer*innen ein, das nicht immer aufgeht.

Dass dieser stilistisch durchaus gelungene Spannungsaufbau immer wieder ins Leere läuft, ist vor allem der Vorhersehbarkeit des Drehbuchs und der übermäßigen Verwendung bekannter Horrortropen geschuldet. Mias Kinderzimmer ist mit einer Miniaturausgabe des Ferienhauses geschmückt, dessen Puppenbewohner ein scheinbar synchron zu den Ereignissen in der Lodge stattfindendes Eigenleben führen. Die Lodge selber trägt wiederum mit ihrer architektonischen Düsternis durchaus zur klaustrophobischen Seherfahrung bei, gerade in der Gegenüberstellung mit den weißen Weiten vor den Fenstern, die doch keinen Ausweg bieten können. Leider verlässt der Film sich dann aber nicht genug auf diesen Gegensatz. Stattdessen werden bekannte Inszenierungsstrategien, wie das böse blickende Heiligenbild über dem Esstisch oder Mias dem Aussehen ihrer Mutter nachempfundene Puppe, immer wieder in den Vordergrund gerückt und damit etwas überstrapaziert.

Dass die Spannungsbögen manchmal so lang werden, dass die Aufmerksamkeit abschweifen kann, tut dem Film dabei auch nicht gerade gut, bietet es doch zu viele Möglichkeiten, über einen möglichen Fortgang der Geschichte nachzudenken, der dann auch tatsächlich in eher erwartbarer Form eintritt. Das ist schade, denn sowohl die beengende Atmosphäre des Hauses als auch das enigmatische Schauspiel der zwei Jungschauspieler*innen und Riley Keoughs böten eigentlich wunderbare Möglichkeiten, sich in dem toxischen Misstrauen zu ergehen, welches sich langsam im Haus ausbreitet. So aber bietet The Lodge seinem Publikum, anders als seinen Protagonist*innen, durchaus einige Möglichkeiten dem Horror zu entkommen.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/the-lodge-2019