Becoming Animal (2018)

Gegen die Entfremdung

Eine Filmkritik von Falk Straub

Davie und Mettler, die seit 1991 in kreativem Austausch stehen, haben nicht zu viel versprochen. Gleich zu Beginn stehen sie gemeinsam mit dem Philosophen und Kulturökologen David Abram in einer Mondnacht im Grand-Teton-Nationalpark in Wyoming und hören den Elchen bei der Brunft zu. Das Bild rauscht stärker als die Tonspur. Abram salbadert über die Ursprünge unserer Musik im klagenden Elchgesang, bevor die daran anschließende Autofahrt in eine audiovisuelle Collage aus Davies Off-Kommentar, Kirchenchorälen, elektronischen Soundschnipseln und aufleuchtenden technischen Geräten abgleitet.

Dieser Trip ist von Abrams 2010 veröffentlichtem Buch Becoming Animal: An Earthly Cosmology inspiriert. Auch im Film, bei dem sich Davie, Mettler und Abram mit ihren Gedanken auf der Tonspur abwechseln, der aber hauptsächlich von den Überlegungen des Philosophen getragen wird, stellt Abram die Frage nach der Grenze zwischen Mensch, Tier, Pflanzenwelt und scheinbar unbelebten Dingen wie Wasser und Wind. Er bringt den Animismus mit seiner Vorstellung von der Allbeseeltheit der Dinge ins Spiel und führt die Anfänge der Sprache auf Naturphänomene zurück. Abram begreift unseren Planeten als eine „more-than-human world“, betrachtet sie nicht aus einem anthropozentrischen Blickwinkel.

Abrams Fragen, stets mit sonorer, etwas zu aufgesetzt legerer Stimme vorgetragen, pendeln zwischen erhellender Einsicht und naiv-verkitschter Naturromantik. Denken Tiere, folglich auch wie wir Menschen, von denen Abrams gemäß seiner Weltsicht konsequent als „Zweibeiner“ spricht, mit ihrem ganzen Körper? Wenn wir Dinge, etwa einen Baum, berühren, berührt dieser Baum uns dann zurück? Und wenn wir in die Welt blicken, schaut uns dann auch die Welt an?

So kurz einige von Abrams Thesen auch greifen – etwa bloße Geräusche, bereits als Sprache zu begreifen, ohne eine intendierte Kommunikation nachweisen zu können –, das zunehmende Gefühl der Entfremdung in einer globalisierten wie digitalisierten Welt wird diesem Film ein Publikum und jede Menge Fürsprecher einbringen.

Weitaus spannender als Abrams Ausführungen ist derweil der experimentelle formale Ansatz. Durch eine äußerst sensible und präsente Tonspur gepaart mit Aufnahmen und Bildmontagen, die immer wieder ins Abstrakte kippen, versucht sich das Regieduo ganz bewusst an einem Paradox: Die im Film ach so kritisierte Technik, die uns durch einen zusätzlichen Filter zwischen uns und der Welt weiter von dieser distanziert, soll hier nun dazu dienen, uns wieder näher an sie heranzurücken. Ob wir am Ende wie Emma Davie Gegenstände wie ein Flugzeug gleich als sinnliche Erweiterung unserer selbst begreifen, bleibt dahingestellt. Detailaufnahmen von Schnecken, einem Bisonfell oder rauschenden Blättern im Wind oder ein Flug auf dem Rücken eines Raben machen diesen Essay zumindest zu einer kleinen sensorischen Sensation.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/becoming-animal-2018