Ramen Shop (2018)

Der Geschmack der Kindheit

Eine Filmkritik von Falk Straub

Masato (Takumi Saitoh) ist ein Grenzgänger. In Singapur geboren kam er als Zehnjähriger nach Japan. Dort steht er als Erwachsener mit seinem Vater Kazuo (Tsuyoshi Ihara) und Onkel Akio (Tetsuya Bessho) am Herd des familieneigenen Ramen-Restaurants. Anregungen für neue Gerichte holt er sich im Internet von Food-Bloggerin Miki (Seiko Matsuda), die in seiner Geburtsstadt lebt. Sein Vater brachte die japanische Küche einst nach Singapur und von dort viele kulinarische Einflüsse und seine große Liebe Mei Lian (Jeanette Aw) zurück in seine Heimat. Nach ihrem frühen Tod blickt Kazuo nicht mehr in die Zukunft, nur noch zu tief ins Glas. Während Masato nach Feierabend neue Rezepte erprobt, hängt Kazuo in der Nachbarkneipe am Tresen.

Nach der Mutter geht auch der Vater vor seiner Zeit. Eines Morgens liegt er im Restaurant tot hinter der Theke – und Masato packt seine Sachen. Mei Lians Tagebuch, ein paar alte Fotos und die Erinnerung an die Rippchensuppe seiner Kindheit im Gepäck geht er in Singapur auf Spurensuche nach seinem anderen Familienzweig. Mit Mikis Hilfe macht er seinen Onkel Wee (Mark Lee) und seine Großmutter Madam Lee (Beatrice Chien) ausfindig und stößt auf tiefe Wunden. Ein familiärer Graben, der in den Weltkriegsjahren aufriss und bis in die Gegenwart auch in andere Teile der Gesellschaft reicht.

Schon Khoos Film Wanton Mee (2016) lief bei der Berlinale in der Sektion „Kulinarisches Kino“. Dort war 2018 auch Ramen Shop zu sehen. Hie wie da erschließt sich Khoo seinen Heimatstadtstaat anhand dessen vielfältiger Küche. Kaum ein anderer Ort wäre besser dafür geeignet. Als internationale Schnittstelle ist Singapur in jeder Hinsicht ein melting pot, ein buntes Gewirr aus Gewürzen, Speisen und Sprachen. Mit seiner Verwandtschaft verständigt sich Masato auf Englisch. Doch die strenge Matriarchin der Familie, Großmutter Madam Lee, spricht keins. Einmal schreien sich der Enkel und seine Großmutter an, er auf Japanisch, sie auf Mandarin. Keiner gemeinsamen Sprache mächtig versteht doch jeder, was der andere meint. Die Sprache, die sie letztlich zusammenführt, ist das Essen.

In Wanton Mee durchstreifte ein Restaurantkritiker die Stadt, nun stürzt ein Nudelsuppenkoch in die Sinnkrise und erweitert durch seine zur Hälfte japanischen Wurzeln das dramatische Gericht um ein weiteres Gewürz. Die Geschichte seiner Eltern, die sich beim Essen kennen- und lieben lernten, wiederholt sich in seiner eigenen. Khoo streut sie in fahlen, überbelichteten Aufnahmen ein. Auch bei Masato und Miki geht Freundschaft und vermutlich auch Liebe (so lässt sich zumindest das Ende deuten) durch den Magen. Das macht Appetit, ist aber auch ziemlich vorhersehbar. Unvorhergesehen sind indes die kulinarischen Exkurse.

Bei Khoo wird nicht einfach nur gegessen. Der Regisseur zelebriert die Zubereitung der Speisen und das Anrichten in Großaufnahmen regelrecht. Seine Figuren leiten einander beim Kochen an und gewähren dabei Einblicke in die Entstehung der Gerichte. So erfährt Khoos Publikum ganz nebenbei, dass Ramen-Nudeln und die zugehörige Brühe ursprünglich aus China stammen und ebenso wie Bak Kut Teh, die von Masato so heiß geliebte singapurische Rippchensuppe, mal ein Arme-Leute-Essen waren. Seelennahrung, die scheinbar fremde Kulturen miteinander verbindet. Wie die Sprachen mischt sich auch das Essen. Am Ende kreuzt Masato die beiden traditionellen Gerichte.

Dass eine gute Suppe selbst die tiefsten Gräben zuschütten kann, ist ein utopischer, aber sehr versöhnlicher Gedanke. Aus diesem Film geht das Publikum nicht nur hungrig, sondern auch kulinarisch gebildeter.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/ramen-shop-2018