Mister Link - Ein fellig verrücktes Abenteuer (2019)

Ein Pfundskerl namens Susan

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

So beginnt der neue Animationsfilm der amerikanischen Laika-Studios, der vom Briten Chris Butler inszeniert wurde. Schon als Co-Regisseur von ParaNorman aus dem Jahr 2012 arbeitete Butler mit dem auf Stop-Motion-Animation spezialisierten Studio zusammen. Als Inspiration für die Figur des Entdeckers Sir Lionel Frost nennt Butler, der auch das Drehbuch schrieb, die amerikanische Film-Ikone Indiana Jones und den britischen Romanhelden Sherlock Holmes. Mit diesem Helden des späten Viktorianischen Zeitalters hat Lionel die gewählte, steife Ausdrucksweise (deutsche Stimme: Christoph Maria Herbst) und die Vorliebe für karierte Anzüge gemein, außerdem spielt die Handlung gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Das Interessante an dieser Komödie, die den Helden nicht nur nach Amerika, sondern auch auf eine Weltreise bis in den Himalaya führen wird, ist ihre Verortung im Genre des Kinder- und Familienfilms.

Der jungen Zielgruppe wird eine Menge von Slapstick geprägter Heiterkeit geboten. Lionel steht bald dem gesuchten Affenmenschen gegenüber. Der Hüne mit dem gutmütigen Gesichtsausdruck sieht aus wie ein Yeti, nur mit orangerotem Fell und einer Nase, die an eine Schweineschnauze erinnert. Das Wesen (deutsche Stimme: Bastian Pastewka) beherrscht zu Lionels Überraschung nicht nur die menschliche Sprache perfekt, sondern hat ihm den Brief sogar selbst geschrieben. Es hat eine Bitte an den Forscher. In Amerika ist es das Letzte seiner Art und daher furchtbar einsam, aber im Himalaya soll es das legendäre Land Shangri-La geben, in dem seine nächsten Verwandten, die Yetis, leben. Zu ihnen möchte es von Lionel gebracht werden.

Lionel gibt seiner Entdeckung den Namen Mister Link. Und los geht die Reise, die die beiden ungleichen buddies bis nach New York führt, von dort mit dem Schiff nach Europa und weiter mit der Bahn nach Asien. Dabei bekommt der tollpatschige Mister Link Gelegenheit, die merkwürdige Welt der Menschen kennenzulernen. Eine sehr witzig inszenierte Saloon-Schlägerei gehört auch dazu. Wenn sich Mister Link, den Lionel der Sittlichkeit halber bald in einen karierten Anzug zwängt, auf einen Stuhl setzt, hält der sein Gewicht nicht unbedingt aus. Die Stationen und Erlebnisse dieser Reise bereiten wegen des holprigen Miteinanders des ungleichen Duos Vergnügen. Mit von der Partie ist auch Adelina Fortnight (deutsche Stimme: Collien Ulmen-Fernandes), die Witwe eines Forschers, die eine wichtige Landkarte beisteuert.

Die visuelle Gestaltung von Mister Link - Ein fellig verrücktes Abenteuer erweist sich als sehr attraktiv. Die auf Puppen basierende Stop-Motion-Animation, die mit digitalen Effekten kombiniert wurde, findet vor spektakulären Landschaften statt, wirken realitätsnah und doch auch dem stilisierten klassischen Zeichentrickstil verbunden. Das gilt etwa für die blau-grünen Wälder Nordamerikas oder die hohen Wellen des Atlantiks, die das fragile Schiff während eines Sturms erklimmt.

Wiederholt gibt es Actioneinlagen, weil sich ein Kopfgeldjäger im Auftrag von Lionels Widersacher, dem Chef des Optimates Club, an die Spur der Reisenden heftet. Was nicht in dessen Weltbild passt, darf einfach nicht sein, nämlich die Entdeckung dieses missing links. Sie würde ja der Vorstellung von der Überlegenheit der menschlichen Spezies aufgrund ihrer fundamentalen Unterscheidung von anderen Arten eine Delle zufügen.

Das chauvinistische Denken der Männer, die in der damaligen europäischen Gesellschaft und ihrem Wissenschaftsbetrieb das Sagen haben, benötigt dringend einen Paradigmenwechsel. Es hat bekanntlich auch Imperialismus und Rassismus hervorgebracht. Der weiße Mann hält sich zu Lionels Zeiten für die eigentliche Krone der Schöpfung. Von dieser hierarchischen Auffassung schlägt der Film eine Brücke zur heutigen Zeit mit ihrer Debatte über den seit biblischen Zeiten geltenden Anspruch des Menschen, die Natur und die Tierwelt zu beherrschen.

Lionel muss lernen, Mister Link nicht als Forschungsobjekt, sondern als Partner und sogar als Freund zu sehen. Adelina liefert ihm die gedanklichen Anstöße dazu. Die drei Reisenden treffen auch auf eine mythische Zivilisation, die den Menschen als Feind betrachtet. Dort gilt das Credo, dass vor dem Feind nur sicher ist, was unentdeckt bleibt. Hier klingen neben dem Umweltschutzgedanken auch Bezüge zum legendären afrikanischen Land Wakanda aus dem Marvel-Universum an, das sich aus ähnlichen Gründen vor dem Rest der Welt verbirgt.

Diversität wird in diesem Film in verschiedenen Facetten dem überkommenen Denken entgegengehalten. Mister Link möchte Susan heißen – warum soll das nicht gehen? In einem Kinderfilm aktuell diskutierte Themen aufzugreifen, die mit Outside-the-Box-Denken verknüpft sind, kann sich als kompliziert herausstellen. So wie in diesem Fall, in dem viele Stichpunkte angerissen, durcheinander gewürfelt und ohne ausreichende Erklärung abgehakt werden. Leider gibt es dennoch langatmige und reizlose Gesprächsszenen, vor allem zwischen Lionel und Adelina, die das Tempo unangenehm ausbremsen.

Es wäre besser gewesen, der Titelfigur mehr lustige Entfaltung zu gönnen und die weiteren Ambitionen zurückzufahren. Denn Kinder sind die geborenen Querdenker, sie wissen einfach, wie viel Befreiendes von einem Wesen mit zotteligem Fell ausgeht, das sich in das Korsett menschlicher Kleidung und menschlicher Konventionen zu zwängen versucht. Sie lachen nicht nur, weil es sich tollpatschig anstellt, sondern auch, weil es so innovativ an die Dinge herangeht und menschlichem Dünkel einen Spiegel vorhält. Für Kinder ist es viel selbstverständlicher als für den erwachsenen Lionel, mit tierischen oder halbtierischen Filmcharakteren Freundschaft zu schließen.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/mister-link-ein-fellig-verruecktes-abenteuer-2019