Gloria - Das Leben wartet nicht (2018)

Gloria ist nicht gleich Gloria

Eine Filmkritik von Verena Schmöller

Gloria: Das Leben wartet nicht erzählt die Geschichte einer Frau kurz vor ihren Sechzig. Gloria (Julianne Moore) hat ein recht erfolgreiches Leben hinter sich: Sie hat zwei Kinder geboren und – nach der Trennung von ihrem Mann vor zwölf Jahren – allein großgezogen, sie hat einen guten Job bei einer Versicherung und eine ganze Reihe an Hobbies und Interessen, mit denen sie sich ihre Nachmittage und Abende vertreibt. Sie ruft regelmäßig bei ihren Kindern an, doch diese leben mittlerweile ihr eigenes Leben. Wenn Gloria ihnen aufs Band spricht oder ihre Hilfe anbietet, merkt man, wie gerne sie mehr Zeit mit Tochter Anne (Caren Pistorius), Sohn Peter (Michael Cera) und ihrem Enkelkind verbringen würde und wie einsam sie bei all ihren Aktivitäten ist.

Am liebsten geht Gloria tanzen. Musik spielt eine große Rolle in ihrem Leben. Wenn sie glücklich ist, hört und singt sie zur Musik; wenn sie traurig ist auch. Ihr Autoradio ist immer ein Stückchen zu laut gestellt, damit sie noch lauter mitsingen kann. Regelmäßig geht sie am Abend aus, alleine und das ganz selbstverständlich in eine Bar, in der sie ihre Lieder spielen, zu denen sie allein oder mit fremden Partnern tanzt. In dieser Disco für Mitfünfziger fühlt sie sich wohl, hier setzt sie sich zu Gleichgesinnten an den Tisch, auch wenn sie diese nicht kennt, und verbringt einfach einen – netten – Abend.

Eines Abends trifft sie dort auf Arnold (John Turturro), der ebenfalls geschieden ist – allerdings erst seit einem Jahr. Sie schauen sich immer wieder an, sind fasziniert vom jeweils anderen und lernen sich auf eine sanft-scheue Weise kennen. Sie verbringen eine Nacht miteinander, und dann ruft Arnold an und führt sie zum Essen aus. Für Gloria beginnt ein zweiter Frühling und etwas, das sie nicht mehr für sich erwartet hätte. Sie besucht mit Arnold dessen Freizeitpark, lernt dort, wie man mit Farbe auf ein Ziel schießt, und probiert eine Schaukel in großen Höhen aus.

Die beiden erleben eine fast unbeschwerte Zeit – fast nur deshalb, weil sie immer wieder von den Anrufen von Arnolds Familie gestört werden. Arnold wimmelt diese mal mehr, aber meist weniger stark ab, spricht verhalten ins Telefon und sagt, er sei beschäftigt, erzählt seiner Ex-Frau und den Töchtern aber nicht, dass er eine andere Frau kennengelernt hat. Als Gloria ihn ihrer Familie vorstellt und ihn zur Geburtstagsfeier ihres Sohnes im kleinen Kreis mitnimmt, verschwindet Arnold von einem Moment auf den nächsten. Gloria kann Arnolds Verhalten nicht verstehen, gibt ihm aber eine zweite Chance und fliegt mit ihm nach Las Vegas. Arnold versucht, die Anrufe seiner Familie zu ignorieren und sich auf das Abenteuer mit Gloria einzulassen, doch das gelingt ihm nur für ein paar Stunden. Wieder lässt er Gloria sitzen und verschwindet ohne Ankündigung von der Bildfläche.

Nach wie vor funktioniert Lelios Geschichte als diejenige einer älteren Frau, die ihr Leben selbstbestimmt in der Hand hält. Gloria sieht gut aus, genießt so viele Momente in ihrem Leben und versucht mit eisernem Willen, dass ihr das Alleinsein und die Traurigkeit darüber nichts anhaben können. Sie hat sich in und mit ihrer Einsamkeit arrangiert, könnte man sagen, aber erst Arnold macht ihr bewusst, dass sie wirklich Stellung beziehen muss. Auch ihren Kindern hätte sie öfters einmal sagen können, was ihr wirklich wichtig ist und was sie möchte. Bei Arnold schafft sie das und geht wie befreit aus dem Erlebten heraus.

Man versteht die Geschichte in Gloria: Das Leben wartet nicht – egal, ob man den Vorgängerfilm kennt oder nicht. Aber man fühlt sie nicht, man glaubt der ‚neuen‘ Gloria irgendwie nicht so recht – und das gerade vor allem dann, wenn man Gloria (2013) gesehen hat. Paulina García hat ihre Gloria gelebt, was vielleicht auch ein bisschen daran gelegen haben mag, dass Sebastián Lelio ihr das Drehbuch auf den Leib geschrieben hat. Sie war verletzlich, immer ein wenig unsicher, trotz aller Lebensfreude, trotz ihres Lachens – und deshalb hat sie auch den Goldenen Bären auf der Berlinale 2013 erhalten.

Julianne Moore gelingt das nicht so gut: Sie ist zu schön und zu ‚jugendlich‘, zu stark, eben zu wenig verletzlich. In manchen Szenen spürt man ihre Enttäuschung und Wut, zum Beispiel als Arnold ihr ein Gedicht von Pablo Neruda vorliest und sie zu Tränen rührt, dann aber das Telefon klingelt und er sie zum wiederholten Mal verleugnet. Meist aber ist sie die lachende und glückliche Powerfrau, die ihr Leben trotz aller Rückschläge mit großer Begeisterung lebt. Die Ambivalenz, die Paulina García verkörpert und besonders durch ihre Mimik erreicht, hat Julianne Moore nicht.

Julianne Moore war es, die Sebastián Lelio zum Remake animierte: „Ihre starke Leidenschaft für Glorias Figur berührten mich“, sagt er in einem seiner Statements zum Film. Lelio hat das Drehbuch auf die Gegenwart im Jahr 2018 angepasst und in die USA verlegt: So fahren Gloria und Arnold nicht mehr in zwei Autostunden an die Küste, sondern fliegen nach Las Vegas. Die Frauenfiguren erhalten nicht dieselbe gesellschaftliche Relevanz wie die aus Gloria (2013), die sich gute 20 Jahre nach Pinochet im Chile des 21. Jahrhunderts teilweise neu erfinden müssen. Mit Gloria (2013) wollte Lelio einen Film über die Frauengeneration seiner Mutter machen, als Impulse flossen die Geschichten seiner Mutter, seiner Tanten und den Freundinnen seiner Mutter ein. Diese Authentizität merkt man dem Film an, und sie muss verloren gehen, wenn man die Geschichte in ein anderes Land, in eine (wenn auch nur minimal) andere Zeit versetzt.

Für ein Publikum, das den ersten Gloria-Film nicht gesehen hat, mag die Geschichte trotzdem funktionieren. Letztendlich steht im Zentrum von Gloria: Das Leben wartet nicht diese einsame Frau, die sich immer wieder auf die Beine stellt und versucht, wirklich das Beste aus ihrem Leben zu machen. Und das kann immer inspirierend sein!

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/gloria-das-leben-wartet-nicht-2018