Unheimlich perfekte Freunde (2018)

Im Spiegel steht ein Doppelgänger

Eine Filmkritik von Rochus Wolff

Wo Frido (Luis Vorbach) immer nur Quatsch macht und in seiner Anwesenheit der Badezimmerspiegel schon einen Sprung bekommt, wenn er nur davorsteht (Man ahnt es: Foreshadowing!), ist Emil (Jona Gaensslen) das genaue Gegenteil: gründlich, ordentlich, ängstlich, allergisch. Frido schwingt sich aufs Fahrrad und fährt in die Hochhaussiedlung, Emil wird von seiner Mutter abgeholt, zum Geigenunterricht, zur Ergotherapie, zum Chinesischkurs ... und schnell heim ins großzügige Einfamilienhaus. Aber beide sollen natürlich aufs Gymnasium, der Zukunft wegen. Das ist deutsche Stadtkindheit im frühen 21. Jahrhundert, präzise abgebildet bis in die Namensgebung hinein.

Das Gymnasium jedoch, an dem sich später Frido und Emil umsehen, ist zum Tag der offenen Tür doch eher etwas dramatisch überspitzt leistungsorientiert: „Nach der Grundschule“, lässt der Direktor dort die Eltern wissen, „beginnt der Ernst des Lebens. Wollen Sie, dass Ihr Kind zu den Gewinnern gehört – oder den Verlierern?“ Die Schulvorstellung in einem Prachtrondell geht dann gründlich in die Hose bzw. in eine Tortenschlacht über.

Eine solche Bewegung zum Unwahrscheinlichen hatte sich schon in den ersten Minuten des Films angekündigt, taucht zwischendurch in den Radionachrichten auf: Ein Unbekanntes Flugobjekt wurde gesichtet, anscheinend ein Schrank? In der Tat fiel ein solcher vom Himmel, direkt vor ein Spiegelkabinett, in der Stadt ist Jahrmarkt, und der Besitzer des Kabinetts, ein seltsamer Mann, vielleicht verwachsen mit seiner Bauchrednerpuppe, hatte den Schrank aufgefangen und nun aufgestellt in seinem Haus der Wunder, da wartet er auf sein Opfer.

Marcus H. Rosenmüller hat mit Unheimlich perfekte Freunde ein Drehbuch von Simone Höft und Nora Lämmermann verfilmt, in dem das Phantastische in eine leicht überzeichnete klein- bis bildungsbürgerliche Realität der deutschen Gegenwart eindringt; es hält uns (im Wortsinn) einen bösen Spiegel vor, so dass Leistungsdruck und Konformitätserwartung als Päckchen deutlich sichtbar vor unseren Augen baumeln.

„Entdecke dein perfektes Ich“ ist auf dem Schrank zu lesen, der anfangs vom Himmel fiel; und als Frido, eher versehentlich auf dem Jahrmarkt gelandet, die Tür öffnet und in den Spiegel dahinter blickt, begrüßt ihn sein Spiegelbild freundlich: Ich bin alles, was du nicht bist. Zieh mich raus, ich geh für dich in die Schule, und das auch noch gern.

Das macht Frido dann auch, und sein spiegelverkehrter Doppelgänger – fleißig, manierlich, brav und pflichtbewusst – übernimmt natürlich gerne alle garstigen Aufgaben. Das Original genießt anfangs seine neuen Freiheiten; aber natürlich, wie es die Eigenheit solcher Kopien ist, übernimmt diese nach und nach sein Leben. Der echte Frido sucht Hilfe bei Emil, aber auch der lässt sich von diesem Angebot verführen: „Na, ihr Luschen?“, sagt sein Spiegelbild zur Begrüßung, der lässige Typ ohne Allergien, der sich von niemandem was sagen lässt.

Unheimlich perfekte Freunde ist im Rahmen der Initiative „Der besondere Kinderfilm“ entstanden; hier werden Filme gefördert, die auf originären Stoffen, also weder auf bestehenden Erzählungen noch Marken beruhen. Trotzdem ist die Geschichte von den besseren, perfekteren Doppelgängern natürlich – E.T.A. Hoffmann winkt freundlich aus dem romantischen Nebel der Geschichte – nicht neu; in der Filmgeschichte sortiert sich Rosenmüllers Film als kinderfreundliche Variante irgendwo zwischen Die Körperfresser kommen und Die Frauen von Stepford ein.

Wobei Unheimlich perfekte Freunde eigentlich vor allem als Fortentwicklung von Rolf Losanskys viel zu wenig gesehenem DEFA-Kinderfilm Das Schulgespenst wirkt – das Buch von Höft und Lämmermann nimmt das Motiv des Spiegels daraus ebenso auf wie das Setting Schule und speziell den verhassten Matheunterricht. Dass auf das Gespenst verzichtet wird, stattdessen jedes Kind sein eigenes Spiegelbild hervorholen kann, macht das alles nur deutlich gruseliger.

Oder würde es gruseliger machen. Woran Unheimlich perfekte Freunde letztlich aber scheitert, ist der (vermutlich bewusste) Unwillen, sich auf das Unheimliche, das Abgründige in letzter Konsequenz einzulassen, es subtiler als Teil unserer Welt zu zeichnen: Die Verkörperung unserer heimlichen Angst, dass unser genaues Gegenteil so viel besser, perfekter wäre als wir selbst. Coraline, die Verfilmung der Neil-Gaiman-Erzählung, hat diese Ambivalenz von Versuchung und Entsetzen damals eingefangen; aber das ist natürlich eine sehr hohe Latte, der Film auch selbst für emotional weniger robuste Kinder (und Erwachsene) kaum erträglich.

Rosenmüllers Film dagegen merkt man an, dass er ein (sehr) deutscher Kinderfilm ist. Das Phantastische wird von Anfang an mit dicken Schichten Schminke erkennbar gemacht: der seltsame Mann mit Puppe, der bunte Schrank mit Lichtern und rotem Knopf. Der Quatsch ist immer ein wenig aufgesetzt – die Wutanfälle von Fridos Lehrerin Frau Klawitter heißen natürlich, Flachwitz-Alarm, „Klawitter-Gewitter“, und Margarita Broich darf in dieser Rolle dann nicht nur verwirrt und verwundert sein, sondern wirkt immer gleich so derangiert, als käme sie aus einem deutschen TV-Sketch.

Es ist nicht immer gut fassbar, woran das liegt; sichtbar wird aber, dass der Film immer eine kleine Schicht zu dick aufträgt, ein Stückchen zu wenig locker ist. Die jungen Darsteller, vor allem Vorbach und Gaensslen, spielen ihre Rollen eher ernst als überdreht; die Erwachsenen hingegen agieren zuweilen wie in einer albernen Komödie. Auf diese Weise nimmt der Film sein Thema nie wirklich ganz ernst; die Auflösung ist dann (im Wortsinn) zwar sehr lustig, aber auch sie kommt ein wenig überraschend wie ein „deus ex machina“, wie die letzte Überraschung in der Geisterbahn, und auf einmal ist alles wieder gut. Das sorgt vielleicht für ruhigeren Kinderschlaf, aber für einen Film mit großer Unwucht.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/unheimlich-perfekte-freunde-2018