Smuggling Hendrix (2018)

Wenn der Hund sich über die Grenze traut

Eine Filmkritik von Verena Schmöller

Yiannis (Adam Bousdoukos) ist Musiker, aber erfolglos, seine Freundin hat Schluss gemacht, und seine Mieten hat er seit Monaten nicht gezahlt. Man könnte ihn einen Versager nennen oder einen Lebenskünstler, in jedem Fall lebt er ein ziemlich chaotisches Leben. Und deshalb plant er auch, seine Heimatstadt Nikosia, überhaupt ganz Zypern, zu verlassen, um in den Niederlanden ein neues Leben zu starten. Und dieses Mal hat er alles umsichtig geplant: Er hat eine Liste auf Papier und einen genauen Zeitplan im Kopf.

Drei Tage vor Abreise geht er mit Hund Jimi spazieren, um Besorgungen für die Reise zu machen. Auf dem Rückweg entdeckt er zwei zwielichtige Gestalten vor seiner Haustür, die gemachte Schulden eintreiben wollen, und seine Ex-Freundin Kika (Vicky Papadopoulou) mit deren neuem Partner. Beiden Parteien will er nicht begegnen, und so versteckt er sich in einem Trödelladen. Doch Jimi will sich nicht verstecken: Bei der ersten Gelegenheit büxt er aus, Kika hinterher und durch die Straßen der griechischen Seite von Nikosia.

Yiannis rennt dem Hund nach, kann ihn aber nicht mehr finden. Er fragt Passanten und die Soldaten an der Grenze, und ja, einer von ihnen hat ihn gesehen, wie er auf die andere, auf „die besetzte Seite“ gelaufen ist. Yiannis holt seinen Pass, überquert die Grenze und geht in den Norden der Stadt. Durch seine Überzeugungskraft auf beiden Seiten des Militärs findet er tatsächlich Jimi wieder und will erleichtert zurück nach Hause gehen. Das aber geht dann nicht mehr, denn einen Hund aus dem türkischen Teil der Stadt darf er nicht mit einführen.

An dieser Stelle hat der Film seine größten Momente, weil er – mit viel Witz – zeigt, wie widersinnig Gesetzgebung manchmal sein kann: Der Hund habe illegal die Grenze übertreten, er könne nicht einfach von einem Nicht-EU-Land in die EU eingeführt werden, er könnte ja Krankheiten übertragen. In kurzen Dialogen mit Grenzbeamten und Gesetzesvollstreckern wird – wieder einmal – deutlich, wie absurd Grenzen und die dazugehörigen Bestimmungen manchmal sein können. Yiannis will eigentlich nur zurück nach Hause und in Ruhe seine Reise vorbereiten, ist aber plötzlich gefangen in einem System, wofür es keine Lösung gibt.

Das für die Grenzbeamten so einfache Gesetz hat weitreichende Folgen – nicht nur für Yiannis. Auf der türkischen Seite entdeckt er das Haus, in dem er geboren wurde. Irgendwie freundet er sich mit dem jetzigen Besitzer, dem Familienvater Hasan (Fatih Al), an, und plötzlich ist auch Hasan in die Geschichte um Jimi verstrickt. Dieser wiederum heuert einen Schmuggler an, der ihnen helfen soll, Jimi ins südliche Nikosia zu bringen, und damit wird auch das Leben von Tuberk (Özgür Karadeniz) kräftig durchgerüttelt. Schließlich sucht Yiannis Kika auf – vielleicht kann sie helfen?

Smuggling Hendrix ist ein charmantes Grenz-Abenteuer. Das liegt zum einen an den liebevoll gezeichneten Figuren, allen voran der des Yiannis. Mit Yiannis hat Marios Piperides eine etwas trottelige, aber liebenswerte Figur geschaffen, der man trotz ihres Stolperns und Tricksens nie böse sein kann. Zum anderen beweist Piperides viel Sinn für Humor, für die kleinen Details, die das Leben an der innerzyprischen Grenze überzeugend präsentieren, und für die Verwicklungen, die Geschichten nehmen können.

Und der Film zeigt auch, dass das, was in Deutschland vor 30 Jahren überwunden wurde, andernorts nach wie vor Realität ist. Dass innernationale Grenzen immer vor allem eines zur Folge haben: Komplikationen, Hindernisse und viel Leid für die Menschen auf beiden Seiten. Dabei ist Smuggling Hendrix nicht belehrend, sondern erzählt einerseits humorvoll und mit einigen Spitzen – gegen die EU, die Politiker auf beiden Seiten und ihre Unfähigkeit, eine Lösung für den Konflikt zu finden, gegen die Unmenschlichkeit der kleinen Beamten, die doch nur ihre Pflicht tun –, andererseits aber auch mit einer gewissen Portion an Resignation. Denn letztendlich gibt es für die Menschen, die in Nikosia leben und leben wollen, keinen guten Ausweg. Ein Film, der sich lohnt und dem es zu wünschen ist, dass er auch hierzulande die Aufmerksamkeit erfährt, die ihm gebührt.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/smuggling-hendrix-2018