Vom Lokführer, der die Liebe suchte ... (2018)

Aus der Zeit gefallen

Eine Filmkritik von Falk Straub

Redselig waren Helmers Filme noch nie, in seinem jüngsten lässt er das Sprechen ganz sein. Mit wachem Blick bahnt sich Lokführer Nurlan (Miki Manojlović) seinen Weg. Tagein, tagaus rollt sein Güterzug durch weite Täler, vorbei an Gebirgszügen und mitten hinein ins urbane Gewusel, wo die scheppernden Waggons auf Tuchfühlung mit den Hauswänden und Gartenzäunen gehen. Eine haarsträubende Architektur, die sich kein Drehbuch besser hätte ausmalen können, und doch keine Erfindung. Helmer hat in einem Viertel in Aserbaidschans Hauptstadt Baku gedreht, das mittlerweile dem Bauwahn zum Opfer gefallen ist.

Hier ist der Platz knapp, jeder Zentimeter kostbar. Also setzt sich das Leben auf den Schienen fort. Männer nippen bei einer Partie Backgammon an ihrem Schwarztee, Frauen hängen ihre Wäsche auf. Immer auf dem Sprung für den nächsten Zug. Schaltet die Signalampel auf Grün, räumt ein kleiner Junge (Ismail Quluzade), nur mit einer Trillerpfeife bewaffnet, die Strecke frei. Was an Nurlans Führerstand kleben bleibt, bringt er den Bewohnern nach Dienstschluss zurück.

Wo die Handlung spielt, klärt sich erst im Abspann. Für die Geschichte spielt das keine Rolle. Abermals erschafft der 1968 in Hannover geborene Regisseur einen magischen Ort irgendwo im Osten und „irgendwo zwischen gestern und morgen“, wie er es nennt. Hier scheint die Zeit, ja selbst die Filmtechnik stillzustehen. Durch Felix Leibergs satte, toll komponierte Breitwandaufnahmen ziehen sich Laufstreifen. Und ganz ohne Dialoge erinnert Vom Lokführer, der die Liebe suchte … an die wortlosen bis wortkargen Bildvergnügen eines Charlie Chaplin, Buster Keaton oder Jacques Tati.

Mit Letztgenannten teilt Helmer sein Faible fürs visuelle Erzählen, seine Fabulierlust und einen Hang zur Melancholie. Auch aus dem Lokführer, der die Liebe suchte … erwächst alsbald ein modernes Märchen, wenn der Titelheld an seinem letzten Arbeitstag einen Büstenhalter findet und sich wie der Prinz aus Aschenputtel auf die Suche nach der passenden Trägerin macht. Der internationale Verleihtitel lautet dementsprechend schlicht „The Bra“, was dem Inhalt näherkommt als der aufs Programmkino abzielende deutsche. Schließlich ist Nurlan nicht nur auf Liebe, sondern auch auf Erotik aus.

Obwohl sich die Frauen reihenweise entblättern, gerät dieser ulkige Reigen unter Helmers diskreter Regie nie zur Altherrenfantasie. Helmer macht das Publikum nicht zum Voyeur. Sein Lokführer ist weder Lüstling noch Stalker, sondern ein fast schon keuscher Träumer. Ein Einzelgänger, der am höchsten bewohnten Ort Europas in einer steinernen Hütte lebt und die Nachbarstochter nicht ehelichen darf, weil er weniger Manneskraft als deren Mutter besitzt. Eine alte Seele, die sich ab und an verirrt, letztlich versteigt, dafür vom Drehbuch aber nicht belohnt, sondern mit einem unerwarteten wie angemessenen Ende überrascht wird.

Helmer hat das visuelle Erzählen über Jahre perfektioniert. Drei Einstellungen genügen. Ein Blick, eine Geste, ein Räuspern und das Publikum hat den Unmut eines Ehemanns begriffen. Ein Orden, ein Glas Schnaps, eine als Geschenk verpackte Angel: Nurlans Verabschiedung in den Ruhestand. Für die passenden Blicke und Gesten in dieser mal absurd, mal verträumt anmutenden Welt hat sich Helmer sein Ensemble überall auf der Welt zusammengesucht. Wunderbare Schauspielerinnen wie Maia Morgenstern, Chulpan Khamatova und Paz Vega zählen dazu. Während Nurlans origineller, manchmal etwas zu ausufernder Suche kommen sie zwar deutlich zu kurz, verkommen aber auch nie zu bloßen Objekten der Begierde.

Vom Lokführer, der die Liebe suchte … spielt in einem eigenen filmischen Raum, der alte Rollenbilder und Klischees bedient, durch deren Überbetonung aber auch unterwandert. In dieser Welt sind eifersüchtige Ehemänner allesamt bullig, glatzköpfig und bärtig, und Nurlans Nachfolger (Denis Lavant) wiegt sich mit einer durch Werkzeuge und schwere Maschinen erzeugten Musik in den Schlaf. Mit der Realität hat das freilich nicht viel zu tun, mehr mit den Filmträumen eines Emir Kusturica, nur viel leiser. Das kann man alles furchtbar altbacken finden oder als Glücksfall für das Kino begreifen. Dem häufig dialoglastigen und visuell einfallslosen deutschen Film können Komödien wie Helmers nur guttun.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/vom-lokfuehrer-der-die-liebe-suchte-2018