Schwimmen (2018)

Junge Opfer und Täter_innen

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Loose erzählt von der Schülerin Elisa (Stephanie Amarell), deren Eltern sich gerade getrennt haben. Sie zieht mit ihrer Mutter (Alexandra Finder) in eine Mietwohnung in Neukölln; das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter ist extrem angespannt. Von ihrem zumeist abwesenden Vater bleibt der Jugendlichen in erster Linie nur eine Videokamera, mit der sie ihr Umfeld einfängt. Auch in der Schule hat Elisa mit Konflikten zu kämpfen: Durch ihre introvertierte Art ist sie eine Außenseiterin; zudem wird sie häufig ohnmächtig, worüber sich ihre Klassenkamerad_innen lustig machen.

Als eine kleine Gruppe nach dem Schwimmunterricht während einer solchen Ohnmacht in der Schuldusche Handyfotos von Elisa schießt, greift die neue Mitschülerin Anthea (Lisa Vicari) ein – was der Beginn einer engen Freundschaft ist. Anthea ist deutlich selbstbewusster als Elisa. Sie träumt davon, Schauspielerin zu werden und es ihrem älteren Bruder Pierre (Jonathan Berlin) gleichzutun. Elisa soll mit ihrer Videokamera und ihrem Handy Material für ein Demoband von ihr drehen. Überdies bringt Anthea Elisa dazu, es den Leuten, die hinter den Fotos in der Schuldusche stecken, heimzuzahlen, indem sie ebenso unangenehme Aufnahmen von ihnen in Umlauf bringen. Dieser Plan gerät aber schon bald außer Kontrolle.

Im Kern ist Schwimmen ein Film über Freundschaft – sowohl über die erhebenden als auch die düsteren Seiten davon. Looses Skript und Inszenierung sowie das bemerkenswerte Zusammenspiel der Hauptdarstellerinnen Stephanie Amarell und Lisa Vicari lassen uns spüren, dass Freundschaft insbesondere in diesem Alter Schutz bietet, vor der Ignoranz der Erwachsenen, vor der Gehässigkeit von Gleichaltrigen und nicht zuletzt vor eigenen Ängsten und Unsicherheiten. Elisa und Anthea geben sich gegenseitig Dinge, die ihnen bisher fehlten: Elisa lernt durch Anthea eine Welt aus Spaß und Party kennen, Anthea findet in Elisa eine Vertrauensperson, die versteht, dass ein „Hau ab!“ zur besten Freundin nicht zwangsläufig bedeuten muss, dass man gehen soll. Zugleich kann eine derart intensive Freundschaft allerdings auch dazu führen, dass man fragwürdige Entscheidungen trifft – etwa um Loyalität und Zusammenhalt zu beweisen: Dass Elisa mit Antheas Unterstützung von der Gemobbten zur (Cyber-)Mobberin ihrer Mitschüler_innen wird, zeigt Loose bewusst ambivalent.

Während der Film in der facettenreichen Schilderung der Freundschaft zwischen Elisa und Anthea und in der visuellen Umsetzung – auch dank der Bilder von Kamerafrau Anne Bolick sowie der passenden Einbettung der (Handy-)Videoaufnahmen – rundum überzeugt, ist er in der Darstellung von Mobbing-Dynamiken indes zuweilen überfrachtet. Dass Themen wie Drogensucht, Bulimie oder suizidales Verhalten lediglich angerissen werden, mag beabsichtigt sein, da auch Elisa nur am Rande von diesen Problemen mitbekommt. Die Beiläufigkeit, mit der all dies behandelt wird, führt jedoch dazu, dass der Einbezug dieser Themen nur als Mittel zum Zweck erscheint. Einigen Nebenfiguren, etwa Elisas ehemaligem Nachbar und Klassenkameraden Constantin (Bjarne Meisel), der neben Anthea die einzige Bezugsperson der Protagonistin ist, wird das Drehbuch nicht gerecht. Somit ist Schwimmen kein makelloser Beitrag zum Coming-of-Age-Kino – aber gewiss einer, der durch seine präzise gezeichneten Hauptfiguren und deren komplexe Beziehung zueinander in Erinnerung bleibt.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/schwimmen-2018