Green Book - Eine besondere Freundschaft (2018)

Roadmovie mit Abgründen

Eine Filmkritik von Melanie Hoffmann

Die USA Anfang der 1960er: Der Italo-Amerikaner Tony Lip Vallelonga (Viggo Mortensen) bringt sich und seine kleine Familie als Türsteher mehr schlecht als recht durchs Leben. Als aber der Club, in dem er arbeitet, wegen Umbau einige Monate geschlossen wird, braucht er dringend einen anderen Job. Also heuert er bei Dr. Don Shirley (Mahershala Ali) als Chauffeur an. Das wird sicher kein Traumjob für Tony. Weder freut er sich auf ein fremdes Auto, eine Uniform zu tragen lehnt er rundweg ab und dann noch für einen Schwarzen zu arbeiten? Der noch nicht einmal ein richtiger Arzt ist. Den Rassisten Tony kostet dies viel Überwindung.

Doch damit nicht genug: Die Fahrt geht durch die Südstaaten der USA zu Zeiten von Jim Crow, in denen der Jazzmusiker Don Shirley einige Auftritte hat. Um dort auch sicher unterzukommen, muss sich Tony des „Negro Motorist Green Book“ bedienen, welches Hotels und Restaurants auflistet, in denen Schwarze absteigen dürfen.

Die beiden ungleichen Männer sind sich anfangs spinnefeind. Musiker Shirley ist ein Gentleman mit feinen Manieren und ausgeprägter Bildung. Sein Fahrer hingegen ist ein ungehobelter Klotz, der gerade genug gelernt hat, um ein Auto fahren zu dürfen. Natürlich sind seine Qualitäten als Türsteher immer mal wieder gefragt, wenn akuter Rassismus seinen Dienstherren in Gefahr bringt. Und Shirley hilft Tony Lip bei der Korrespondenz nach Hause. Denn die Briefe, die Tony selbst fabriziert, sind kaum des Papiers würdig, auf dem sie verfasst sind. Sieht so Liebe in der Unterschicht aus? Nach und nach nähern sich die beiden an, bis eine Freundschaft entsteht.

Der Film kommt wie ein bunter Cupcake daher. Außen schön anzuschauen, aber bei näherer Betrachtung doch im Wesentlichen ein plumper Versuch satt zu machen. Der Rassismus tut hier selten weh, ist mehr Kulisse, quasi ein MacGuffin, um die beiden Protagonisten einander näher zu bringen. Eine ernsthafte Aufarbeitung findet nicht statt und zusätzlich suggeriert der Film schließlich noch, dass diese Welt ja zum Glück viele Jahrzehnte hinter uns liegt und damit offenbar überwunden ist.

Die in den USA von den Hinterbliebenen von Don Shirley geführte Diskussion darüber, dass die beiden Männer gar keine Freunde waren, sondern Shirley ihn als Angestellten sah, der es eben ablehnte, Uniform und Mütze zu tragen, verstärkt den schalen Beigeschmack und befördert den Eindruck, dass es sich hier um einen Film handelt, der mit einer großen Portion Kalkül auf dem Reißbrett entstand. Die Zutaten sind perfekt gemischt, um sowohl einen Crowdpleaser zu produzieren als auch die Award-Season ordentlich mitzubestimmen. Zumindest bei den Golden Globes durfte die Tragikomödie schon einmal drei Preise einheimsen.

Halb bedauernd, halb erfreut muss man wohl zugeben, dass dies bestens funktioniert. Letztlich kann man an den meisten Stellen nicht anders als zu lachen. Die beiden Hauptdarsteller Mahershala Ali und Viggo Mortensen verkörpern ihre Figuren so unfassbar sympathisch, dass man sie einfach lieben muss. Hier kommt auch die große Qualität von Peter Farrelly als Komödienregisseur zum Tragen. Auch wenn man Filme wie Dumm und Dümmer oder Verrückt nach Mary wahrlich nicht mit Green Book vergleichen kann, den Drive, das Timing, das hat Farrelly einfach drauf.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/green-book-eine-besondere-freundschaft-2018