#Female Pleasure (2018)

Heilig und unrein

Eine Filmkritik von Katrin Doerksen

Das Aufmerksamkeit heischende Intro stellt den Fokus sofort unmissverständlich scharf auf einen zentralen Widerspruch, der sich überall dort abbildet, wo Menschen zusammenleben: Frauen gelten in den Religionen als heilig und zugleich als unrein, als Gefahr, die der Mann überwinden muss. Als notwendig und als der Feind. Um diesen Widerspruch geht es auch in #Female Pleasure, der sich ziemlich bald als Gesprächsfilm entpuppt. Barbara Miller hat dafür Frauen getroffen, denen im Namen ihrer Religionen Unrecht widerfahren ist, das vom Großteil ihrer Glaubensbrüder und -schwestern nicht als solches anerkannt wird. Die Bekannteste unter ihnen ist wohl Deborah Feldman, die mit Unorthodox Memoiren über ihren Weggang von einer Chassidischen Gemeinde in New York veröffentlichte. Während sie mit ihrem Sohn im Auto durch ihre ehemalige Nachbarschaft fährt – Miller zeigt die Protagonistinnen ihres Films oftmals in solchen Transitsituationen – erzählt sie davon, wie sie als 17-Jährige einen völlig Fremden heiratete. Wie ihr beigebracht wurde, ihre Kleidung so zu wechseln, dass nicht einmal die Zimmerdecke einen Blick auf sie erhaschen könne.

Eine andere Frau in #Female Pleasure ist die somalische Aktivistin und Psychotherapeutin Leyla Hussein, die Workshops und Vorträge über die noch immer in zahlreichen Ecken der Welt praktizierte weibliche Genitalverstümmelung hält. Wie sie einer Gruppe somalisch-stämmiger Jungs in London anhand eines Modells aus Knete demonstriert wie dabei vorgegangen wird, gehört zu den eindrücklichsten Momenten des Films. Dabei bildet sich nach und nach eine wiederkehrende Frage des Films heraus: Warum werden Verstöße gegen das Gesetz oder gar gegen die Menschenrechte geduldet, sobald sie sich mit den Traditionen einer Religion oder Kultur rechtfertigen lassen? „It’s a cultural thing“ – sie werde wütend, wenn sie diese Begründung höre, presst Hussein hervor. Im Einzelnen formuliert #Female Pleasures vielleicht keine bahnbrechenden Weisheiten oder Erkenntnisse – in seiner Akkumulation des Materials lenkt er jedoch den Blick auf die Ausmaße eines weltweiten Problems.

Denn das ist eine Erfahrung, die alle Frauen in #Female Pleasure gemacht haben: als Zugehörige einer bestimmten Gemeinschaft gelten einige Rechte für sie nicht. Die ehemalige Nonne Doris Wagner in Rom, die ihren Vorgesetzten und Vergewaltiger nicht anklagen kann, weil er sie außer mit psychischen mit keinen sonstigen Waffen bedroht hat. Die japanische Künstlerin Rokudenashiko, die verhaftet wurde, weil sie einen 3D-Druck ihrer eigenen Vagina anfertigte und in der Öffentlichkeit präsentierte. Hussein, die wegen regelmäßiger Drohungen unter Polizeischutz lebt. Aber diese Frauen haben noch etwas gemeinsam: sie haben begriffen, dass sich erst etwas ändert, wenn ihre Stimmen gehört werden. Deborah Feldman mit ihren Memoiren, Rokudenashiko mit einem Manga über ihre Erfahrungen, die indische Aktivistin Vithika Yadav mit einer Online-Plattform zum Thema Sexualität – sie alle beschreiben die Publikation ihrer Werke als Moment der Selbstermächtigung. Insofern passt der Titel des Films dann doch wieder - inklusive des Hashtags. Am Anfang steht das Erregen der Aufmerksamkeit, dann kommt der Austausch und schließlich der Wandel. Hoffentlich.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/female-pleasure-2018