Sauvage (2018)

Wild und frei

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Das Langfilmdebüt des 1972 geborenen Drehbuchautors und Regisseurs Camille Vidal-Naquet zeigt einen 22-jährigen Sexarbeiter, der (erstaunlicherweise) ohne einen Funken von Abgebrühtheit, ohne eine Spur von Zynismus durch sein Leben geht. Objektiv betrachtet muss man dieses Leben wohl als „prekär“ bezeichnen, da es (auch) von Obdachlosigkeit und von Drogensucht geprägt ist. Der junge Mann selbst scheint seinen Zustand indes als absolute Freiheit zu empfinden.

Léo (Félix Maritaud) – der im Film, wie fast alle anderen Figuren, namenlos bleibt, von Vidal-Naquet im Interview jedoch so benannt wird – verdient sein Geld zumeist auf einer Landstraße im Umkreis von Straßburg. Mal ist er allein mit seinen Kunden, mal arbeitet er mit Ahd (Eric Bernard) zusammen. Léo hegt Gefühle für Ahd, dieser sagt aber, er stehe nicht auf Männer. Während Ahd der Sexarbeit auf der Straße entkommen will, indem er sich einen wohlhabenden, älteren Herrn sucht, der ihm ein sicheres Dasein finanzieren soll, scheint Léo keinerlei Ziele, keinen großen Plan zu verfolgen. „Ich hab’ manchmal das Gefühl, du spielst gern die Hure“, wirft Ahd ihm vor – und Léo entgegnet lediglich: „Na und?“.

Als Inspiration für die Zeichnung des ungewöhnlichen Protagonisten nennt Vidal-Naquet die von Sandrine Bonnaire verkörperte Vagabundin Mona aus Agnès Vardas Vogelfrei (1985). Wie Mona entzieht sich auch Léo dem gesellschaftlichen Regelwerk. Ein Mobiltelefon? Nein – wen soll er schon anrufen? Etwas unternehmen, um ohne Drogen auszukommen? Wozu denn – was soll er denn sonst machen? Léo beklagt sich nicht über seine Situation; nur den starken Husten und die Atembeschwerden will er wieder loswerden, darüber hinaus sieht er keinen Anlass zu einer Veränderung. Es gibt Momente, da möchte man Léo wachrütteln, ihn sogar anschreien.

Neben Vogelfrei lässt Sauvage, nicht nur wegen des Titels, auch an Nicolette Krebitz’ Wild (2016) denken. Darin findet die Heldin Ania in einem Wolf ihr geeignetes Gegenüber. Léo trifft hingegen keine Tiere, sondern nur Menschen. Und etliche von ihnen sind pragmatisch-kalt oder im schlimmsten Falle grausam und gewalttätig; fast alle sind recht empathielos. Doch es gibt Ausnahmen – und diese führen zu Szenen, die ein Gegengewicht bilden zu den Passagen, in denen sich Léo furchtbar viel von anderen gefallen lässt. Da ist eine Nacht, die er mit einem älteren, einsamen Witwer (Jean-Pierre Baste) verbringt. „Ich möchte die Nacht gern in den Armen eines Jungen verbringen, und der Junge bist du“, sagt Léo zu dem niedergeschlagenen Mann, der sein Angebot voller Dankbarkeit annimmt. Dann gibt es die Ärztin (Marie Seux), deren Fragen und Fürsorge Léo zwar nicht wirklich versteht, die aber so einfühlsam wirkt, dass Léo sie bei der Untersuchung spontan umarmt. Und da ist Claude (Philippe Ohrel), der Léo retten will. Aber will beziehungsweise muss Léo überhaupt gerettet werden?

Sauvage ist eine Charakterstudie, die uns ihre Hauptfigur nicht erklärt. Wir erfahren nicht, welchen biografischen Hintergrund Léo hat. Léo teilt uns beziehungsweise den Personen, mit denen er im Laufe der Handlung interagiert, kaum mit, was er denkt. Die Handkamera von Jacques Girault fängt das Geschehen ein, ohne eine Wertung erkennen zu lassen; es sind intime, explizite, aber keine voyeuristischen Einblicke. Der großartig furchtlos spielende Félix Maritaud macht spürbar, dass sich Léo nach Nähe sehnt – allerdings nicht um den Preis der eigenen Freiheit. Frei sein, wild sein, das scheint in unserer Welt noch immer in die Isolation zu führen. Man wünscht Léo, er würde irgendwo im Wald Ania und ihrem Wolf begegnen.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/sauvage-2018