Der Klang der Stimme (2018)

The Voice of Switzerland

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Egal, ob sie nun von der Schweizer Starsopranistin Regula Mühlemann stammt, die eine von mehreren überaus starken ProtagonistInnen in Bernard Webers ebenso sinnlicher wie einfallsreicher dokumentarischer Annäherung Der Klang der Stimme an das Urphänomen der menschlichen Stimme ist. Oder von kleinen Kindern, die gerade eine Theaterinszenierung proben, einem faszinierenden Vokalakrobaten (Andreas Schaerer) oder einem werdenden Papa. Oder von der zeitgenössischen Diva des „Hochtongesangs“, der brasilianischen Ausnahmesängerin Georgia Brown, die partiell dermaßen hoch singen kann, dass selbst die modernsten Hightech-Geräte im Labor des eloquenten Freiburger Stimmforschers Matthias Echternich irgendwann versagen.

Die menschliche Stimme berührt eben. Und prinzipiell lässt sie den Rezipienten wirklich nie kalt, unabhängig davon, ob sie nun aus dem Munde von Soap & Skin, Donald Trump, Lisa Gerrard, Adolf Hitler oder Maria Callas kommt. Jene hochkomplizierte Artikulation des Menschen durch seine Stimmbänder erzeugt neben dem reinen Klang zugleich stets auch hundert Assoziationen. Das passiert sozusagen automatisch, wie man es beispielsweise auch aus neueren Erkenntnissen der modernen Psychologie kennt.

Um genau dieses weite Feld des Stimmklangs, dessen Umfang, Wirkung, Schönheit, aber auch Bizarrerie und Mystizismus, ging es dem Schweizer Dokumentarfilmer Bernard Weber bei der dramaturgischen Konzeption seines regelrecht beglückenden Werks. In seinen besten Szenen trifft es den Zuschauer durchaus ins Mark. Gleichzeitig informiert es auf nicht minder faszinierende Weise und weiht in neueste Erkenntnisse der internationalen Stimmforschung ein, ohne dass das Ganze formal-ästhetisch allzu trocken vermittelt oder dabei jedes Geheimnis gelüftet werden würde.

Dafür sorgen neben Webers erstklassigen Protagonisten, unter den sich auch ein „Stimm-Promi“ wie der mexikanische Weltklassetenor Ramos Vargas befindet, vor allem auch die Kreativhandwerker im Hintergrund dieses überaus gelungen Dokumentarfilmprojekts, das sich als einer der Publikumsfavoriten des laufenden Jahres erweisen dürfte. Webers Der Klang der Stimme verfügt sowohl über elegante Schnittsequenzen (Montage: Dave Leins und Stefan Kaelin) als auch eine gleichfalls variantenreiche wie klug inszenierte Bildsprache (Kamera: Pierre Mennel und der Regisseur selbst). Diese inkludiert einige packende Extremsituationen (wie eine Geburt, eine Therapiesitzung oder einen Opernabend vor ausverkauften Haus), in denen sich die singuläre Ausdruckskraft der menschlichen Stimme in komplett unterschiedlichen Interieurs und Seelenlagen und auf durchweg eindrucksvolle Weise offenbart.

Was geschieht schließlich in genau diesen Ausnahmemomenten? Wie kann sich der Mensch seinem Gegenüber überhaupt je adäquat artikulieren? Und wie können scheinbar alltägliche Dinge wie Singen oder Sprechen manchmal schlichtweg Glückshormone generieren? Darauf gibt es zahlreiche, niemals erschöpfende Antworten, wodurch Webers sehenswerter Dokumentarfilm im Subtext immer wieder lustvoll die Diskursmaschine anwirft, was ihn zusätzlich positiv heraushebt.

Und so ist Der Klang der Stimme am Ende deutlich mehr als eine lediglich bestechend in Szene gesetzte filmische Annäherung an den schier unendlichen Kosmos der menschlichen Stimme. In mitunter transzendent wirkenden Minisequenzen wie mit einer echten Jodeldiplominhaberin während einer Computertomografie, in denen auch der humorvolle Duktus des Filmemachers nicht zu kurz kommt, wirkt Bernard Webers wunderbarer Dokumentarfilm selbst wie ein einziger selig machender Glücksdrops.

Kurz gesagt: Hier stimmt und schwingt fast alles und Der Klang der Stimme hallt an dieser Stelle in allen Belangen lange nach, was gerade für brillante Dokumentarfilme aus dem „Swiss Films“-Universums in den vergangenen Jahren immer schon per se ein eigenes Qualitätskriterium war und hier erneut aufs Wunderbarste eingelöst wird.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/der-klang-der-stimme-2018