Jacques Becker Edition

Eine individuelle Stimme als Vorbild der Nouvelle Vague

Eine Filmkritik von Silvy Pommerenke

Jean Renoir erinnert sich in seiner Autobiographie an seinen jungen Assistenten: "Als Jacques Becker zu mir stieß, war er noch ein Junge oder vielmehr ein junger Mann. Alles, was ich nicht mag, verkörperte er in Reinkultur: Er kam aus dem französischen Großbürgertum, kannte sich aus in allen Bars und war Mitglied teurer Sportclubs. Als ich diesen Lack abgekratzt hatte, traf ich auf einen Menschen, der mich begeisterte und der selbst begeisterungsfähig war."

Arthaus hat sich mit der vorliegenden Edition 4 der bekanntesten Filme Beckers gewidmet. Neben Edouard und Caroline (1951), befinden sich darauf Goldhelm (1952), Wenn es Nacht wird in Paris (1954) und Das Loch (1960). Jeder Film repräsentiert ein unterschiedliches Genre (Beziehungskomödie, Melodrama, Gangsterdrama). Allen gemein ist die Stärke von Becker, durch die er sich letztendlich auch einen Namen machte: Er verstand es außerordentlich gut, Milieuschilderungen detailliert darzustellen, Figuren charakterstark zu zeichnen, gesellschaftliche Kritik zu üben und dabei auch immer wieder starke Frauen zu zeigen. Wobei gerade in seinem letzten Film Das Loch explizit Männer auftauchen. Beim Inhalt des Filmes natürlich kein Wunder, denn es geht darum, dass eine Handvoll Ganoven aus dem Knast ausbrechen wollen (alle Rollen wurden übrigens von Laiendarstellern besetzt). Die Art und Weise jedoch, wie Becker diese Männer darstellt, hat durchaus etwas Homoerotisches. Nackte und verschwitzte muskulöse Oberkörper werden in einer Ästhetik dargestellt, die etwas inszeniert Fotografisches hat. Dass Becker durchaus eine Affinität zum eigenen Geschlecht hatte, zeigt denn auch die Aussage seines Sohnes Jean, der sich zurückerinnert, als ihm sein Vater am Set zu Wenn es Nacht wird in Paris Gabin vorgestellt hat: "Sieh ihn an, ist er nicht schön?" Und, Jean Becker weiter: "Er hat Gabin angesehen, wie er eine Frau ansehen würde. Für ihn war Gabin die Traumbesetzung. Wie er das sagte: Sieh ihn an, ist er nicht schön?" (Jean Becker im Interview über seinen Vater und Jean Gabin in den Extras zu Wenn es Nacht wird in Paris)

Auch wenn Jacques Becker ein geschätzter Regisseur war, so hatte er seine Schwachstellen. Jedenfalls aus Sicht der Produzenten, denn er arbeitete "sehr, sehr langsam", so erzählt seine Tochter in einem Interview und auch die Kollegen der damaligen Zeit waren sich darüber einig. Und langsam zu sein bedeutet(e) teuer zu sein. Beispielsweise gaben ihm seine Produzenten 8 Wochen Zeit für den Dreh von Goldhelm, was Becker eindeutig zu wenig war. Letztendlich hat er für die Filmarbeiten 9½ Wochen benötigt. Sicherlich lag seine Langsamkeit auch darin begründet, dass er äußerst perfektionistisch veranlagt war. Und das führt dann wieder zu den Stärken von Jacques Becker. Er hat sich selbst mit den Nebenrollen intensiv beschäftigt, und auch wenn sie keine tragenden Rollen in den Filmen hatten, so bekamen sie doch immer genügend Raum, um nachhaltig in Erinnerung zu bleiben. Becker hat ein Faible für Details, bisweilen auch absurde Details. Unter anderem zu sehen in Wenn es Nacht wird in Paris, wo Max (Jean Gabin) seinem Freund Riton (René Dary) in seiner Zweitwohnung Champagner, Geflügelpastete und in Ermangelung frischen Baguettes Zwieback (!) anbietet. Sowieso stellt diese Zweitwohnung von Max eine aufregende Welt dar, mit einem Kühlschrank voller Champagner-Flaschen und einem hochmodernen Plattenspieler – zumindest was im Jahr 1954 hochmodern war. 

Wenn es Nacht wird in Paris, der nicht mehr der klassische Film Noir war, sondern den Beginn für eine neue Art von Gangsterfilmen darstellte, wurde nicht nur für Becker der erfolgreichste Film und bedeutete für Gabin die Wiederaufnahme seiner Vorkriegskarriere, sondern vor allem die Filmmusik von Jean Wetzel sorgte weltweit für großen kommerziellen Erfolg. Und nicht zuletzt assistierte Jean Becker hier zum ersten Mal seinem Vater – er musste unter anderem für den Biernachschub sorgen – und bekam eine winzige Statistenrolle. 

Neben den 4 Filmen bietet die Arthaus-Edition äußerst informative Extras auf den einzelnen DVDs an, die Erhellendes, Amüsantes oder auch Überraschendes beinhalten. Vor allem die Filmwissenschaftlerin Ginette Vincendeau (Professorin am King's College London) zeigt sich als eloquente und kluge Interviewpartnerin, die viel zu sagen hat. Sie nennt Jacques Becker einen Autorenfilmer, der mit der Tradition des französischen Kinos brach und weist auf die außerordentliche Bedeutung der Beziehung zu Renoir hin. Becker war Vorbild für nachfolgende Regisseure, arbeitete manchmal auch mit einem kleinen Budget und war dafür aber unabhängig. Vor allem aber besaß er eine individuelle Stimme. 

Amüsant ist hingegen das Interview mit der jungen Jeanne Moreau von 1957: Sie berichtet von ihrer Nervosität beim Casting und von ihrer Angst vor Jean Gabin. Er hat ihr aber schnell die Angst genommen und sie freundeten sich an, denn Gabin kannte ihre Mutter. Sie erzählt aber auch, dass Gabin immer mürrisch ans Set gekommen und unzufrieden sei. Nichts desto trotz war er "mit bedingungsloser Leidenschaft bei der Arbeit". 

Jacques Becker starb völlig verfrüht im Jahr 1960 an Hämochromatose, als er gerade mit dem Schnitt von Das Loch fertig war. Die Endabmischung nahm sein Sohn Jean vor. Becker ist auf dem Montparnasse Friedhof (22. Division) in Paris begraben.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/jacques-becker-edition