Piercing (2018)

Komplementäres Kammerspiel

Eine Filmkritik von Falk Straub

Wenn man so will, arbeitet sich Pesce in der Filmgeschichte weiter der Gegenwart entgegen. Vorbilder seines Debüts waren Die Nacht des Jägers (1955), Psycho (1960) und Die Zwangsjacke (1964), schwarz-weißer Grusel um psychisch kranke Protagonisten. Dieses Mal nimmt er sich jener kunstvoll meuchelnden Triebtäter an, die in den 1970er Jahren ihren Höhepunkt erreichten.

Familienvater Reed (Christopher Abbott) ist einer davon – zumindest in Gedanken. Urplötzlich überkommt ihn die Mordlust. Um den Schlaf gebracht, ist der hübsche Daddy kurz davor, seinem krakeelenden Nachwuchs mit einem Eispickel den Garaus zu machen. Doch dann redet ihm der Säugling ins Gewissen (!). Reed folgt dessen Anweisungen, packt seine Koffer, lässt Kind und Frau (die aus Victoria bekannte Laia Costa) zurück und stürzt sich in den glitzernden Großstadtdschungel. Auf der Suche nach einem Opfer gerät er an die Falsche. Callgirl Jackie (Mia Wasikowska) dreht den Spieß einfach um.

Die Außenwelt ist bei Pesce reine Illusion. Die Kamera fährt an nicht enden wollenden Modellbauten von Hochhäusern entlang. Jede Taxifahrt geht vor einer Rückprojektion über die Bühne. Die Farben schillern wie schönstes Technicolor, vor blauem Hintergrund ergeben die gelben Titelcredits grelle Komplementärkontraste. Und die treibende Synthesizermusik, alten italienischen Thrillern entnommen, jagt den Puls in die Höhe. Auch die DVD- und Blu-ray-Hüllen sind in kräftigem Gelb gehalten. Statt am American Gothic arbeitet sich Pesce dieses Mal am Giallo ab.

Die Vorlage stammt indes aus Japan. Der andere Murakami, nicht Schriftstellerkollege Haruki, sondern Ryū hat sie geliefert. Dessen Literatur kreist um Sex, Drogen und Gewalt, erzählt von desillusionierten Protagonisten, und spielt häufig an den Rändern der Gesellschaft. Fünf seiner Bücher, darunter Tokio Dekadenz (1992), hat Ryū Murakami selbst verfilmt. Die wohl bekannteste Adaption dürfte indes Takashi Miikes Audition (1999) sein. Eine perfekte Vorlage also für Pesce, der das Drehbuch erneut selbst geschrieben hat, an Miikes Brillanz allerdings nicht heranreicht.

Dabei vermittelt auch Pesce vieles indirekt, baut das Entsetzen wie Miike und wie er selbst in seinem Debüt ganz gemächlich auf, bevor sich die Brutalität entlädt. Davor entsteht der Horror zwischen den Bildern oder nur auf der Tonspur. Wirklich wundervoll ist etwa jene Szene, in der Reed seine Tat vor Jackies Ankunft noch einmal durchspielt. Während die Mordwerkzeuge fein säuberlich aufgereiht auf dem Hotelbett liegen, vollführt er eine mörderische Pantomime. Hochkonzentriert sticht er mit imaginierten Waffen zu und trennt mit unsichtbaren Sägen Gliedmaßen ab. Der wahre Horror läuft derweil in unseren Köpfen ab.

Schon in The Eyes of My Mother passierte nicht viel. Pesces Drehbuch kondensierte das Leben seiner Hauptfigur auf wenige prägende Momente, beschränkte ihren Handlungsradius auf wenige Meter rund um die elterliche Farm. Auch Piercing ist ein Kammerspiel, auf zwei Hauptfiguren und vier Schauplätze verdichtet. Eine blutrote Reduktion in drei Akten. Über die Hintergründe der Figuren erfahren wir nichts, nur ein wenig über ihre Obsessionen. Reed und Jackie sind Schmerzensmenschen, die sich anziehen und abstoßen, letztlich aber ergänzen. Er schwarzhaarig, sie blond, er ein Mann, sie eine Frau. Ein sadomasochistisches Yin und Yang. Ob das Erzählte echt oder eingebildet ist, bleibt offen. Selbst die Außenwelt sieht in diesem Film wie eine Innenaufnahme aus. Gut möglich also, dass Pesces mitunter traumgleiche Sequenzen nur Reeds Inneres nach außen kehren.

Für Pesce ist Piercing ein Schritt nach vorn und einer zurück. Das Budget ist höher, die Hauptdarsteller sind namhafter, doch an den Schrecken (und die Schönheit) seines Debüts kommt der Nachfolger nicht heran. Die extreme Reduktion, die sich mehr für die formalen Mittel als für die Figuren interessiert, reduziert Piercing auf eine reine, wenn auch ungemein versierte und umwerfend gut aussehende Fingerübung.

Sein außerordentliches Talent weist Pesce auch dieses Mal nach. Es bleibt abzuwarten, was er daraus in einem komplexeren Beziehungs- und Handlungsgeflecht macht. Die nächste Gelegenheit bietet sich ihm abermals bei einer japanischen Vorlage. Als Nächstes steht das Remake eines Remakes eines Remakes an: Takashi Shimizus direkt auf Video veröffentlichter Ju-on (2000), international als Ju-on: The Curse vermarktet, von Shimizu selbst als Ju-on: The Grudge (2002) noch einmal fürs japanische Kino und als The Grudge (2004) fürs US-amerikanische Publikum verfilmt, wird unter Pesces Regie schlicht Grudge (2020) heißen.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/piercing-2018