Diamantino (2018)

Eine SciFi-Fußball-Politfarce mit Hundewelpen

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

So geht es zumindest dem titelgebenden Superstar der portugiesischen Nationalmannschaft (gespielt von Carloto Cotta mit vielen Anleihen an der Gestik, Mimik und Physis Cristiano Ronaldos), doch just im alles entscheidenden Finale der Fußball-WM 2018 in Russland schiebt sich ein anderes Bild dazwischen – das verzweifelte Gesicht einer Flüchtlingsfrau, die auf der Überfahrt über das Mittelmeer ihr Kind verloren hat. Und prompt verschießt Diamantino den Elfer. Sein danach gleichfalls schmerzverzerrtes Gesicht wird zum Internet-Meme und zum Inbegriff der Heulsusigkeit des vorher frenetisch gefeierten Superstars.

Mit dem schmählichen Ende seiner glanzvollen Karriere konfrontiert, besinnt sich Diamantino auf das, was für ihn wirklich zählt – wobei: zum Idealisten taugt er mit seiner egoistisch-kindlichen Seele natürlich nicht – und beschließt, einen Flüchtling zu adoptieren. Weil ihm aber gerade die Steuerfahndung wegen diverser Offshore-Konten auf den Fersen ist, wird ihm statt eines Flüchtlingsjungen die Steuerfahnderin Aisha (Cleo Tavares) untergeschoben, die in dem pompösen Anwesen des Fußballers nach Hinweisen auf eine großangelegte Steuerhinterziehung suchen soll. Natürlich merkt der naive Fußballer den Schwindel nicht, sondern wirft all seine kindlich überbordende Liebe auf diesen Flüchtling, während seine überaus dominanten Zwillingsschwestern im Hintergrund die Fäden ziehen, ihren Bruder systematisch ausplündern, die wahren Drahtzieher hinter den Offshore-Konten sind und ihn schließlich sogar für einen ebenso perfiden wie irren Plan an rechts gerichtete Kräfte im Land verkaufen: Zum einen wirkt Diamantino bei einer Reihe von Werbespots mit, deren Bedeutung er nicht begreift, die aber darauf abzielen, ihn zum Testimonial für einen EU-Austritt Portugals aufzubauen. Und zum anderen soll Diamantino vielfach geklont werden, um endlich wieder eine Nationalmannschaft zu haben, die einen großen Titel erringen kann. Und so entspinnt sich ein vielschichtiger, abstruser Plot mit vielen Überraschungen und Wendungen, in dem nichts mehr unmöglich scheint …

Was der reine Plot bereits andeutet, erfüllt der Film selbst dann vielfach, um dann im nächsten Moment schnell wieder den nächsten Haken zu schlagen: Diamantino ist eine wilde Mixtur verschiedenster Genres – er ist das Psychogramm eines Fußballers, der zwar den Namen Cristiano Ronaldos niemals nennt, aber stets mitdenkt, Politsatire, Genderbender-Komödie, kruder SciFi, Fake-Vater-Sohn-Drama, hanebüchene Agentenstory, Metareflektion über Fußball, Nationalismus, Starkult, die „Flüchtlingskrise“ und vieles andere mehr.

Natürlich kommt bei einer solchen Anhäufung von Themen und Topoi vieles zu kurz, wird nur angerissen, gerät zur reinen Assoziationsschleuder, die etliches anreißt, aber kaum etwas zu Ende bringt. Und doch bereitet dieser Film beim Zuschauen mindestens so viel Spaß wie ein verrücktes Fußballspiel, bei dem es zwischen den Mannschaften hin und her geht.

Auch stilistisch gefällt sich Diamantino im Sitzen zwischen allen Stühlen: Mal dominieren hier auf Hochglanz polierte Bilder, dann wiederum ist vor allem bei den Fußballspielen mit all ihrer Exzentrik die Lust am CGI-erzeugten Trash unübersehbar, um im nächsten Moment der Ästhetik von B-Movies zu frönen. Obgleich mit all seinen Themen und Andeutung ganz und gar zeitgemäß, atmet der Film den fröhlichen und warmherzigen Geist der Anarchie der 1960er und 1970er Jahre, wie er einem im Gegenwartskino heute nur noch selten bis nie begegnet.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/diamantino-2018