Gut gegen Nordwind (2019)

Liebe auf Distanz

Eine Filmkritik von Falk Straub

„Worte sind beides: Maske und Enthüllung“, schreibt Leo (Alexander Fehling) an seine Internetbekanntschaft Emmi (Nora Tschirner). Emmi heißt eigentlich Emma, doch Leo findet ihren Namen zu „alt und robust“ und wandelt dessen Endung kurzerhand ab. Er muss es wissen, schließlich ist er Linguistik und lehrt zwischenmenschliche Kommunikation. Doch ach, mit den Zeichen ist das so eine Sache. Bei Leos Langzeitfreundin Marlene (Claudia Eisinger) stehen sie schon lange auf Abschied. Nur Leo ist dafür blind. Bei einem gemeinsamen Abendessen mit Freunden erkennen wir Zuschauer*innen Marlenes schlechtes Gewissen weit vor dem gehörnten Experten. So gut maskiert war das vor der großen Enthüllung gar nicht. Wie ein Blick mehr als tausend Worte sagt, das zeigt Jopp in vielen Szenen wie dieser fabelhaft.

Als Single wider Willen wird Emmi Leos Flucht, und der Schriftverkehr der beiden wird ihre gemeinsame „virtuelle Insel“. Ihr erstes digitales Aufeinandertreffen ist purer Zufall. Emmi hat eine E-Mail falsch adressiert, die so in Leos Postfach landet. Los geht es mit Beleidigungen („passiv aggressiver Idiot“) und eloquenten E-Mail-Wechseln, aus denen schließlich eine Vertrautheit erwächst, von der sich beide mehr erhoffen. Dumm nur, dass Emmi einen Mann, den Stardirigenten Bernhard (Ulrich Thomsen), und zwei Stiefkinder hat. Die Hoffnungen der zwei gehen folglich (zunächst) weit auseinander. Eines der vielen amüsanten Kommunikationsprobleme in einer Welt, die doch so häufig überinformiert und in der alles ausformuliert scheint.

Damit diese virtuelle Beziehung – sowohl für alle Beteiligten als auch für uns Rezipient*innen – funktioniert, geloben Emmi und Leo digitale Enthaltsamkeit. Keine Internetrecherche, kein Cyberstalking, kein Blick ins Telefonbuch und anschließendes Auflauern vor der Wohnungstür ist erlaubt. Das nehmen wir den beiden problemlos ab, wie auch die Übertragung der Korrespondenz von der gedruckten Seite auf die große Leinwand erstaunlich geschmeidig vonstattengeht.

Fast den kompletten ersten Akt über sehen wir nur Leo. Emmi bleibt reine Stimme. Nora Tschirners Timbre trägt das mühelos und macht gespannt auf die Frau dahinter. Während sich andere deutsche Digitalromanzen wie Safari – Macht Me If You Can (2018) mit der Visualisierung sozialer Netzwerke und digitaler Konversationen schwertun, löst Jopp das Problem geradezu altmodisch. Getippter Text taucht nur am Rande auf – und wenn, dann kunstvoll im Großformat an Wände und in den Nachthimmel projiziert. Der Rest ist Voice-over. Einer liest, die andere spricht aus dem Off und umgekehrt. Oder Leo und Emmi nutzen die Sprachfunktion ihrer Smartphones, anstatt mühevoll in die Tasten zu hämmern.

Das hat durchaus seine Längen, glückt dank zweier wunderbarer Hauptdarsteller und Jopps locker-leichter Inszenierung aber prächtig. Tschirner und Fehling, die fast den gesamten Film über auf digitale Endgeräte starren, können sich auf ihre Mimik verlassen. In zwei Filmstunden durchleben sie alle Aufs und Abs einer Beziehung, ohne sich je von Angesicht zu Angesicht begegnet zu sein. Schon diese Konstellation macht diesen Film so reizvoll.

Im Vergleich zum Roman ist vieles kürzer und manches anders, vor allem der Schluss, der zwar ebenfalls offenbleibt, aber ein mögliches Happy End klar andeutet. Bis dahin fiebern wir mit zwei komplexen und komplizierten Menschen mit, die zeigen, dass das echte Leben nun mal nicht so einfach ist wie die Fiktion. Leo fühlt sich beim Analysieren fremder Menschen wohler als in der Nähe vertrauter Personen. Der E-Mail-Flirt klappt nicht zuletzt aufgrund der Distanz. Emmi ist in ihrer Ehe beileibe nicht unglücklich, fühlt sich nach und nach aber der Vorstellung eines Mannes näher als dem Mann, der neben ihr sitzt, den sie berühren kann.

Mitunter ist das kitschig, oft originell, dann wieder traurig, am Ende schön; letztlich ein gelungener Liebesfilm – mal digitale screwball comedy, mal Cybermelodram.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/gut-gegen-nordwind-2019