Familie Brasch (2018)

Eine Familie zwischen Ost und West

Eine Filmkritik von Verena Schmöller

Familie Brasch beginnt bei den Eltern und stellt zunächst deren Geschichte in den Mittelpunkt: Horst Brasch und Gerda haben sich im britischen Exil kennengelernt und mit dem ersten Sohn Thomas eine Familie gegründet. Nach Ende des Krieges wollte Horst Brasch unbedingt zurück nach Deutschland, in den östlichen Teil, zurückgehen und – als überzeugter Kommunist –beim Wiederaufbau des Landes mithelfen. Er wurde neben Erich Honecker einer der wichtigsten Funktionäre der Deutschen Demokratischen Republik, die Liebe zum Land und zur Partei war ihm – ja – lebenswichtig.

Gerda dagegen hatte erst Bedenken, kam dann jedoch mit Thomas nach und wurde ebenfalls Teil des staatlichen Apparats, während die Kinder in Internaten und der Wochenkrippe untergebracht wurden; der Große, Thomas, sollte die Kadettenschule besuchen. Nach außen hin waren sie die perfekte Funktionärsfamilie. Doch mit der Zeit und den aufkommenden Protesten Ende der 1960er Jahre bröckelte dieses Bild, der Vater ließ seine Kinder verhaften und schadete damit nicht nur deren, sondern auch seiner eigenen Karriere; Thomas wanderte schließlich in den Westen aus.

Alle vier Kinder hat diese Kindheit stark geprägt, das bereitet der Film nach und nach auf. Er widmet sich jedem der Geschwister in einzelnen Kapiteln: Thomas, Klaus, Peter und Marion. Die Jüngste ist wichtigste Interviewpartnerin des Films und Zeugin des familiären Lebens. Aber auch die Freunde und Lebensgefährten der Geschwister, vor allem die von Thomas Brasch, kommen in Familie Brasch zu Wort und zeichnen mit ihrer Sicht ein vielschichtiges Bild von der Familiengeschichte: Schriftsteller Christoph Hein berichtet von seiner Jugendfreundschaft zu Thomas, die durch den Einfluss von dessen Vater irgendwann ihr Ende fand; Bildhauer Florian Havemann bekommt ein Leuchten in den Augen, als er von seinen jugendlichen Diskussionen über Politik und Kunst mit dem etwas älteren Thomas Brasch erzählt; Liedermacherin Bettina Wegner schaut mit einem mal melancholischen, mal schelmischen Blick auf die Vergangenheit, das Kennenlernen auf einer Party und ihre gemeinsame Elternschaft von Benjamin; und auch Schauspielerin Katharina Thalbach erinnert sich an die Liebe zu Thomas, ihre gemeinsame Ausreise und die Anfänge in der BRD.

Die größte Leistung des Films ist, dass er ein so dichtes und komplexes Portrait von der Familie Brasch zeichnet: Er nennt viele Zahlen und Fakten, arbeitet die Familiengeschichte richtiggehend auf und lässt seine Gesprächspartner ausführlich zu Wort kommen. Dabei sollte die Dokumentation doch eigentlich nur Beiwerk eines Spielfilms werden, an dem Annekatrin Hendel seit Jahren arbeitet. Vor etwa sechs Jahren nämlich hat sie den Roman von Marion Brasch gelesen: Ab jetzt ist Ruhe. Roman meiner fabelhaften Familie, in dem sie sich ihrer Familiengeschichte widmet, und sie hat sich sofort die Rechte für die Verfilmung gesichert, so beeindruckt war sie vom Leben der Familie Brasch. Aus der Reportage zum Spielfilm wurde ein eigener Dokumentarfilm – gut so, denn er verdient es unbedingt, auf Festivals und im Kino gezeigt zu werden.

In Familie Brasch steckt weitaus mehr drin als eine reine Familiengeschichte. Er macht die Vergangenheit sichtbar, lässt Rückschlüsse zu, auch für die eigene Gegenwart. Er erzählt ein Stück deutscher Geschichte, indem er diese Familie zwischen den beiden deutschen Teilstaaten in den Fokus nimmt. Und er macht Lust, sich mehr mit dem literarischen und filmischen Werk des Ausnahmekünstlers Thomas Brasch zu beschäftigen.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/familie-brasch-2018