Alles ist gut (2018)

So etwas passiert mir doch nicht!

Eine Filmkritik von Verena Schmöller

Die eigentliche Geschichte beginnt mit einem Klassentreffen: Janne (Aenne Schwarz) fährt nach Hause, trifft alte Freunde, tauscht sich aus. Eher zufällig lernt sie Martin (Hans Löw) kennen und verbringt an seiner Seite einen fröhlichen Abend. Sie lachen viel und haben Spaß – bis Janne „Nein“ sagt. Martin will Sex nach der Party, aber Janne formuliert ihr Nein erst fröhlich, dann entrüstet, dann verwirrt. Auch als sie sich im Gerangel verletzt, lässt Martin nicht von ihr ab und holt sich, was er will.

Die Vergewaltigung passiert auf erschreckend nüchterne, unspektakuläre Weise. Sie passiert einfach. Janne weiß in den wenigen Minuten, in denen sie vergewaltigt wird, nicht so recht, was mit ihr geschieht. Zuerst lacht sie, dann bezeichnet sie Martins Drängen als „albern“ – da ist ihr dieses „so etwas passiert mir doch nicht“ immer noch ins Gesicht geschrieben. Plötzlich wird die Lage ernst, aber bevor Janne dies merkt und reagieren kann, ist alles schon vorbei. Martin hat gewaltsam mit Janne geschlafen, obwohl sie das nicht wollte, und haut dann ab.

Janne putzt sich erst die Zähne und macht sich bettfertig, so wie scheinbar jeden Abend. Sie ist in einer stillen Form erschüttert über das Geschehene, das sieht man ihr an, aber sie macht normal weiter. Kurz bleibt sie am nächsten Morgen im Bett liegen und denkt offensichtlich nach, dann steht sie auf und fährt fort, als wäre nichts passiert. Sie trifft Robert (Tilo Nest), der ihr einen Job anbietet, beerdigt dessen Katze, trifft ihre Mutter (Lina Wendel) und erzählt auch Piet (Andreas Döhler) in Stichworten vom Klassentreffen.

Auch als jeder sie auf die Schramme im Gesicht anspricht, windet sich Janne aus dem Gespräch: erklärt die Verletzung mit einer übersehenen Kante, mit einem Sturz, aber nicht mit der ihr angetanen Gewalt. Fast vertraut sie sich ihrer Mutter an, aber als diese aufhorcht und konkrete Fragen stellt, weicht Janne aus. Sie will kein Opfer sein, will selbstbestimmt mit dem umgehen, was passiert ist, und es eben in den Griff bekommen. Sie beteuert immer wieder „es ist alles in Ordnung“, macht es aber mit jedem Mal, mit jeder Lüge, mit jedem Ablenkmanöver schlimmer. Alles ist gut erzählt von einem Strudel der Ereignisse, in den Janne gerät, ohne dies zu wollen. Sie verstrickt sich immer mehr in ihr Lügenkonstrukt, traut sich nicht zu erzählen, und man möchte sie schütteln und rufen: „Jetzt sag‘ doch was!“ 

Grundsätzlich ist Janne eine starke Frau, die Aenne Schwarz – auch in den feinsten Gesichtsausdrücken – überzeugend darstellt: Janne scheint die Insolvenz besser zu verkraften als Piet, der ausfällig und unberechenbar wird. Sie fasst schnell wieder Fuß und entscheidet sich schnell, als Robert ihr den Job der Cheflektorin anbietet. Sie macht anderen Mut und kümmert sich, hat alles im Griff. Für andere wie Robert, der von seiner Frau getreten und geschlagen wird, trifft sie Entscheidungen und übernimmt das Steuer. Ihre eigene Verletzung aber verdrängt und vernachlässigt sie – das auch ganz bewusst, um eben nicht Opfer zu sein und sich im Selbstmitleid zu ergießen. Am Ende aber weiß sie gar nicht mehr, in welchen Moment sie bestimmt handeln und Nein sagen soll und in welchen nicht. 

Eva Trobisch hat den Film geschrieben, als es noch keine #metoo-Debatte gab. Trotzdem passt Alles ist gut ganz gut zum Thema, weil er zeigt, wie schnell ein sexueller Übergriff geschehen kann und was er mit den Beteiligten macht. Und der Film zeigt auch Martins Perspektive: Seine Tat ist nicht die eines gewalttätigen Schwerenöters, eigentlich ist er nicht der Typ, der Gewalt ausübt, sondern ein anständiger junger Mann mit klaren Wertvorstellungen. Er übernimmt sofort Verantwortung für das, was geschehen ist, will mit Janne sprechen, will ihr helfen, und er würde – wenn er könnte – sofort alles ungeschehen machen. Ihm ist die Vergewaltigung – die im Film so nie bezeichnet wird – genauso einfach passiert wie Janne. Und er kommt scheinbar noch schlechter damit zurecht als Janne.

Der Film stellt viele Fragen und regt zum Nachdenken an – nicht nur über die Haupthandlung, sondern auch über die Nebenfiguren, das Rollenverhältnis von Mann und Frau, die Frage von Schuld und Verantwortung. Antworten und Lösungen gibt er keine, auch nicht für die Figuren. Hier steht man als Zuschauer am Ende ein wenig im luftleeren Raum und hätte sich – gerade im Kontext der aktuellen Diskussionen – ein klareres Statement gewünscht. Dennoch: Ein guter Film über ein wichtiges Thema mit einer überragenden Schauspielerin.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/alles-ist-gut-2018