Dear Son (2018)

We need to talk about Sami

Eine Filmkritik von Maria Wiesner

Er nimmt ihn zu verschiedenen Ärzten mit, lässt ihn durchchecken, liest eifrig Migräne-Foren im Internet. Als ein Psychiater dem Sohn einen Stimmungsaufheller verschreibt, scheint das Problem gelöst. Dann verschwindet Sami von einem Tag auf den anderen und hinterlässt den Eltern nur die Notiz, er sei jetzt in Syrien.

Wie schon We need to talk about Kevin nimmt auch Dear Son die Eltern in den Blick, die mit den monströsen Taten ihrer Kinder konfrontiert werden. Im Gegensatz zu Lynne Ramsays Film versucht sich Dear Son aber nicht in der psychologischen Analyse des Jungen, Attia nimmt vielmehr die Gesellschaft in den Fokus, die solche Täter hervorbringt. Warum wird ein junger Mann zum Selbstmordattentäter?

Die Frage stellt sich auch der Vater nach Samis Verschwinden unentwegt. Zunächst ist er noch davon überzeugt, seinen Jungen zurückholen zu können. Dafür nimmt er seinen finanziellen Ruin in Kauf. Er fliegt in die Türkei, wo er seine Suche nach dem Sohn bis zur syrischen Grenze fortsetzen will. Da seine geringe Pension dafür nicht ausreicht, verkauft er das Auto, was wiederum seine Frau zur Verzweiflung bringt. Die Ehe beruht sowieso nurmehr auf einer Zweckgemeinschaft, motiviert vom schmalen Einkommen beider Ehepartner. Allein, das wissen sie, könnte keiner von beiden durchkommen. Wenn der Vater im überbordenden Supermarkt einkauft, tut er das mit Rabattcoupons. Die Mutter zählt am Anfang des Monats das Geld in Briefumschläge ab, für jeden Ausgabenposten einen, die zusätzlichen Unterrichtsstunden für den Sohn sind die größte Ausgabe. Mutter und Vater treibt der Wunsch an, dass es ihm einmal besser gehen soll. Er soll die Universität besuchen, einen Beruf mit ordentlichem Einkommen ergreifen, irgendwann seine eigene Familie besser durchbringen können. Der Sohn weiß um die finanzielle Situation. Als der Vater vorschlägt, mit ihm Pizzaessen zu gehen, lehnt er ab. „Das ist doch zu weit entfernt, denk an das Benzin und außerdem ist es zu teuer.“

Wie krass die Unterschiede zwischen „wenig Einkommen“ in Westeuropa und „wenig Einkommen“ in Nordafrika sind, zeigt eine Szene ganz hervorragend: Der Vater hat auf dem Markt ein gebrauchtes Hemd für den Sohn gekauft. Freudig präsentiert er es ihm. Der zieht es an, versichert, dass es ihm gefällt. Besonders stolz ist der Vater, dass das Hemd sogar von einer Marke ist. Er greift an den Zettel im Kragen und liest dem Sohn vor: „H&M!“

Anhand solch kleiner Szenen seziert Attia die sozialen Zustände in Tunesien, die Armut, den alltäglichen Kampf ums Überleben. Schon in seinem Langfilmdebüt Hedi war der Zustand seines Landes nach der Revolution gegen Ben Ali das eigentlich Thema. Auch dort warf er Vignettenhaft den Blick auf die Gesellschaft. Das tut er in ähnlicher Form, ganz leise und subtil, auch in Dear Son. Er bleibt dafür immer nah an der Figur des Vaters. Jener Generation des alten Tunesiens, deren Vorstellungen und kleinbürgerliche Träume längst der Vergangenheit angehören, die aber noch nicht begreifen will, dass ihre Vorstellungen von der Welt und wie sie zu sein hat, nicht mehr gelten. Attia zeigt eine Gesellschaft im Stillstand, die versucht, sich irgendwie über Wasser zu halten, dabei aber ihrer jungen Generation keine Perspektive bieten kann. Tunesien ist bei ihm ein Land ohne Zukunft, in dem es keine sozialen Sicherheiten mehr gibt.

In Cannes hatte man in Eva Hussons Wettbewerbsfilm Les Filles Du Soleil gesehen, was passiert, wenn eine Regisseurin ihrem Stoff – vergewaltigte Kurdin greift zur Waffe und wird Freiheitskämpferin – nicht vertraut: Die Geschichte erstickte in Pathos und sirupdicker Musik. Attia hingegen flicht seine brutalen Wahrheiten ganz leise in das Drama um den Vater. Dear Son hat dadurch eine Wucht, die man lange nach dem letzten Bild nicht vergisst.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/dear-son-2018